12 Apr 2013

Wärmestube für "unsere Armen"

Submitted by ebertus

oder auch gepflegtes "social washing"? Aber davon, zu diesem mir heute erstmals untergekommenen Begriff etwas später, weiter unten im Text. Zuerst geht es hier in die Niederungen des (erwartbaren) menschlichen Seins - als ein mit Sicherheit und hochoffiziell zu deklarierender Einzelfall...

Nun wird das, von dem die Berliner Zeitung berichtet, zukünftig auch hierzulande häufiger vorkommen. Nein, nicht immer gleich mit derart tragischem Ende, aber die sog. Zwangsräumung wohl schon. Hierzulande war bzw. ist das "Subprimen", der Immobilienhype auch für Menschen, die kaum ihre grundlegende Existenz bestreiten können noch nicht so gängig wie in den USA oder anderen Ländern, gerade der europäischen Krisenperipherie. Das Ergebnis für den Delinquenten bei Zahlungsunfähigkeit ist jedoch ähnlich, sprich der Rausschmiss aus den vertrauten, den auch schon mal schützenden vier Wänden. Zwei Fragen (mindestens) drängen sich mir nach der Lektüre des Artikels auf, eine sehr realweltliche und eine eher spekulative.

Die erste Frage wäre, wo die entsprechenden staatlichen Stellen doch seit einiger Zeit und auf verschiedenen Ebenen in diesen "Fall" eingebunden, warum die Frau nach der Zwangsräumung keine entsprechende Fürsorge (gern beinahe zwangsweise) erfahren hat, warum sich eine Art Grassroot-Organisation, eine Selbsthilfegruppe um die Frau gekümmert hat, dies gar musste.

Die zweite Frage stellte sich (mir, weil wegen der Beschneidungsdebatte dahingehend sensibilisiert), als ich von dem Wunsch der Frau las, in das Jüdische Krankenhaus eingeliefert zu werden. Ist diese Frau etwa Jüdin? Nicht einfach deswegen und in diesem Falle von Antisemiten, von rechten Schlägern angegriffen worden? Dann wäre das doch mit Sicherheit ein Aufhänger für die Zeitung mit den vier Buchstaben, oder? Nun jedoch ist womöglich der Staat der Täter, schlußendlich in seiner Funktion als Marionette, als Erfüllungsgehilfe des herrschenden, doch so alternativlosen Systems? Zoltan Grasshoff, der Initiator dieser Kältehilfe äußerst sich in dem dort verlinkten Video entsprechend.

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Btw. Hartz-IV-Mord, oder auch das eingangs genannte "social washing"; und nicht zu verwechseln mit "pink washing", letzteres ebenfalls eine Pervertierung des Begriffes; da wird/ist nichts wirklich sauber, ist bei genauem Hinsehen eher dreckiger denn zuvor.

Die soziale Ausgrenzung zunehmender Schichten der Bevölkerung beginnt auch hierzulande und eher schleichend. Hier ist die Jugendarbeitslosigkeit noch nicht so hoch wie in der Krisenperipherie, hier beginnt es eher bei den Alten, den Kranken, den damit beinahe per se Armen. Die gehen nicht mehr auf die Straße, können das wohl auch kaum noch. Wohin also mit den zunehmend vielen, in der herkömmlichen Verwertungskette nicht mehr brauchbaren Menschen.

Bei Telepolis gibt es einen Artikel, der genau dieses "Social Washing" adressiert und thematisiert, am Beispiel der Tafeln dieses Reinwaschen auf seine im Grunde perversen Basics zurück führt. Der Soziologe Stefan Selke hat ein Buch geschrieben, aus dem der Telepolis-Text wohl die Einleitung darstellen könnte, dies dann meinerseits in einer spontanen Bestellung des Buches mündete. Hier abschließend einige Kernthesen, markante Einlassungen des Autors:

  • Für viele ist Hartz-IV die existentielle Entlassungsurkunde aus der Mehrheitsgesellschaft. Früher oder später überschreiten sie eine magische Grenze, hinter der sich die Tafeln als vermeintlich letzte Lösung aufdrängen.

     

  • Letztlich sind Tafeln eine wirtschaftliche und politische, aber keine soziale Lösung. Tafeln sind nichts anderes als gesellschaftlich arrangierte Bedürftigkeit. Sie sind Verharmlosungsagenturen, die nicht für Gerechtigkeit sorgen, sondern das Bedürfnis nach Verdrängung bedienen.

     

  • Dieser Verkrüppelung durch Glasperlenspiele und Fremdwortakrobatik wollte ich nicht länger Vorschub leisten.

     

  • Die Kernthese des Buches ist, dass Tafeln die Ersatzprogrammatik im sich schleichend auflösenden Sozialstaat sind, das moralische Nadelöhr der Gegenwartsgesellschaft.

     

  • Durch Freiwilligkeit werden soziale Schutzfunktionen des Staates immer weiter von einer öffentlich-rechtlichen in eine privat-ehrenamtliche Sphäre verlagert. In dieser Sphäre werden Bürgerrechte durch personelle Abhängigkeiten und Schutzgarantien durch Willkür ersetzt.

     

  • Die Lebensmittelkonzerne und weitere Unterstützer erkaufen sich mithilfe der liebgewonnenen Tafeln lediglich Ruhe, damit sie ihrem Kerngeschäft, der Gewinnmaximierung, nachgehen können. "Social Washing" in Zeiten inszenierter Solidarität.

     

  • Am Ende wird soziales Engagement zur Sinnsuche, Sozialpolitik zur Show und Bürgerechte werden durch das Surrogat der Almosen ersetzt.

     

  • "Das sind unsere Armen" (so ein Tafelvertreter auf einer Podiumsdiskussion). Sie nennen es Gebietsschutz.

 

Zur Zeit, seit Sonntag

Lese ich das hier erwähnte Buch von Stefan Selke. Es ist -nicht zuletzt- ein Spiegel, den der Autor uns allen, soweit (noch) nicht betroffen, auf beinahe jeder Seite, in beinahe jeder Zeile vorhält. "Wir" wollen es nicht wissen, das mit der Armutsökonomie, das mit der immer weiter zunehmenden Parallelgesellschaft, das mit den immer mehr um sich greifenden Almosensystemen ohne jeden Rechtsanspruch. Menschenrechte vs. dem reload eines alten und dennoch neuen Feudalsystems.

auch die taz

hat das thema aufgenommen http://bit.ly/1074RvH

passend zum thema - wohnen - ebenfalls
http://www.infothek88vier.de/
kann ab 26.4. nach-gehört werden.

Schon makaber

Die Kälte-Nothilfe, wo Rosemarie F. die letzten Tage ihres dann "schlußendlich überflüssigen Lebens" verbrachte, soll nun selbst geräumt werden. Möglicherweise sind die Betreiber, ist deren Umfeld nicht so systemkonform wie die bzw. das der Tafeln.

Btw: Tafeln. Das hier erwähnte Buch von Stefan Selke ist mittlerweile eingetroffen, wird im Familienumfeld gelesen. Ich werd' das dann mitnehmen, wenn ab Anfang Mai wieder mal auf mehrwöchiger Alpentour; später hier eine kleine Rezension einstellen. Ansonsten und natürlich mit meiner Teilnahme gibt es die Tage des "Aktionsbündnis", wie weiter unten von @Rahab verlinkt. Am Samstag dieser von Freitag bis Sonntag gehenden Veranstaltung ist auch der Buchautor dabei.

makaber ist das gewiss nicht, eher unprofessionell.

Allerdings nicht vom Vermieter, sondern von den Betreibern der Nothilfe.
Wer nicht imstande ist, ein gekündigtes Mietobjekt nach über 14 Monaten dem Eigentümer zurück zu geben, es statt dessen immer noch besetzt weil er keinen Ersatz gesucht/gefunden hat, der scheint wohl wenig professionell zu arbeiten.

Das ist unverantwortlich zumindest den vier Bewohnern gegenüber, da helfen jetzt auch keine populistischen Hilferufe mehr.

lesen hilft!

wenn du mal gelesen hättest, dann hättest du gelesen, dass die gesobau dieser nothilfe den KOOPERATIONSVERTRAG gekündigt hat.
hol das nach und dann guck dir an, wer/was gesobau ist - vielleicht kapierst du dann, was da los ist.

nein,

eine Kündigung ist eine Kündigung, und die Motive dahinter sollten nicht verschwörerisch interpretiert werden.
Die hatten 14 Monate Zeit. Punkt. Das sollte eine Juristin eigentlich wissen.
Jetzt mit Tränendrüsen zu erpressen versuchen, macht die Sache nur schlimmer.

der kleineigenheimbesitzer spricht!

ich muß nichts verschwörerisch hineininterpretieren, wenn ich feststelle: die gesobau will die, welche sie per kündigung sozial entsorgt, ganz weghaben. also muß die einrichtung weg. also kündigt sie den kooperationsvertrag.
junge junge - da geht es um wohnraumpolitik. nicht um drüsen.

"Junge Welt", nein Danke,

die steht bei mir, genau wie das von ebertus so geschätzte Blatt mit den 4 GROßEN Buchstaben, auf dem rechten Index.

Glücklicherweise,

möglicherweise unprofessionell. Und das ist sehr gut so, weil dies wohl einzige Möglichkeit darstellt, nicht -wie die Tafeln- vom System, in das System eingenordet zu werden.

BDS differenziert...! Als eine (deutsche) Variante für eben die Verhältnisse hierzulande. Wenn ich da so an die Aktionen -auch der damaligen Grünen- in den 1970ern/80ern gegen Hochrüstung und/oder Atomkraft denke, so wird ziviler und relativ gewaltfreier Widerstand zunehmend wieder relevant, sind manche, auch rechtliche Schlachten dann mit verändertem Fokus wieder neu zu schlagen.

Die vier "Insassen" plus den Betreiber/Mieter zu räumen, das sich solidarisierende Umfeld abzuwehren, das wird dann mit Sicherheit ebenfalls zu neuen, eben kreativen Formen von notwendiger Auseinandersetzung führen; zwangsläufig...!

aktionstage gibt es auch

gemüse von der tafel

oder von http://prinzessinnengarten.net/

da wo ich wohne, wäre hinterm haus auch platz für ein paar hochbeete. jedoch: der vermieter, das katholische petrus-werk, will nicht. hat man mir gesagt. was eigentlich ein witz ist, schließlich bezahle ich doch die gartenbaufirma, die zwei mal im jahr den rasen mäht.

"Schamland", ein Buch und eine Fernsehsendung dazu

TTT am Sonntag 14.4.2013 23,05 im Ersten.

hier http://goo.gl/chXAx gibt es mehr Infos dazu.

Danke für den Link

Habe zwar kein TV-Gerät, bin dahingehend eh' ein Textmensch. Ansonsten liegt ja nur wenige hundert Meter von unserer Berliner Wohnung entfernt die Dreifaltigkeits-Kirche; und auch diesen Mittwoch gegen Mittag und auf dem Weg zu einem schnellen Einkauf im Lankwitzer Zentrum komme ich dort vorbei - sehe (gefühlt) die immer umfangreicher werdenden Menschenansammlungen. Link...

Ok, was da verlost wird ist mir nicht gleich klar. Vielleicht ist es die Reihenfolge des Empfanges von Nahrung. Möglicherweise ist nicht immer genug da für alle (berechtigten) Interessenten. Na ja, immerhin ist ein Seelsorger vor Ort...

Und, was der Buchautor unter Umständen vergessen hat explizit zu erwähnen, dies ist die im Grunde perfide Tatsache, dass auch die Organisation der Tafeln ein gewisses "Arbeitsplatzpotential" generiert. Und ob "das" zur Spitze hin auf rein ehrenamtlicher Basis erfolgt, auch das wäre mal kritisch zu hinterfragen.