26 Jul 2014

Antifa 2.0 / Teil 1

Submitted by ebertus

Wo die wirklichen Querfronten lauern. Der aktuelle Sammelband von Susann Witt-Stahl und Michael Sommer (Hrsg.) bietet mehr als verblüffende Parallelen zu mancher Diskussion, auch und gerade bei "derFreitag".

Susann Witt-Stahl und Michael Sommer haben eine Essaysammlung herausgegeben, deren Tenor und Intention weit über die Kritik an einem antideutschen, bellizistisch determinierten Sektierertum nebst bedingungslosem Israelsupport hinaus reicht, das grundlegende Verständnis von systemkonformer Ideologie und deren neulinks drehenden Support hinterfragt.

Hier mögen in loser Folge nun einige der Texte aus diesem Buch angesprochen, ein Stück weit vertieft und sehr aktuelle Parallelen gezogen werden. Den Anfang macht die Herausgeberin und titelt im Tenor der gesamten Essaysammlung:

"Der deutsche Antifaschismus ist auf den Hayek gekommen"

Wer sich (like me) wunderte, warum die Antifa (2.0) zu einem Support um die Berliner Refugees lediglich sehr gedämpft Stellung bezieht, partiell gar noch die Polizei in ihrem brutalen Vorgehen unterstützt, zumindest versteht, der braucht sich nun nicht mehr wundern, macht die Lektüre des hier in Rede stehenden Büchleins deutlich, welchen Schulterschluß diese neulinke Antifa seit Anfang der 1990er und zunehmend jenseits der Jahrtausendwende freudig übt.

Neoliberalismus in Reinkultur!

Witt-Stahl führt anhand verschiedener Zitate und erlebbarer Gegebenheiten aus, dass hier ein neues Verständnis von Antifaschismus entstanden ist, welches sich genötigt sieht, die Konzerne zu schützen, wenn (wörtlich) die Armen den Aufstand proben. Kollektivismus und Solidarität als zu entlarvendes Teufelszeug, wo  stattdessen der neoliberale Imperativ, das Individuum und das Recht des Stärkeren als letztendliche Seinsbestimmung glorifiziert wird.

"Je totalitärer der Markt, desto aggressiver der Totalitarismusvorwurf an seine Kritiker"

schreibt Witt-Stahl, während den Flicks, den Krupps, den Quandts et al. von der Antifa 2.0 Verständnis und beinahe Absolution zuteil wird, nicht nur was ihre gepflegte Komplizenschaft mit dem Dritten Reich angeht. Womit dann die weitere, von der Autorin erkannte, heutige Funktion der Antifa angesprochen wäre: Diffamierung, vorzugsweise ad personam im Hinblick auf jedwede substantielle Kapitalismuskritik. Das sei qua Antifa-Definition (immer?) völkisches Ressentiment und liest sich in einem von Witt-Stahl herangezogenen Pamphlet dann schon mal so:

"Dieser linke romantische Antikapitalismus, der als Kiezgemeinschaft und als regionales Bündnis „von Unten“ gegen „die Herrschenden“ antritt und mit selbstbestimmten Projekten und ökologisch vorbildlichen alternativen Lebensformen gegen Profit und Kommerzialisierung kämpft, richtet wie der rechte völkische Antikapitalismus gegen die RepräsentantInnen der kapitalistischen Zirkulationsspäre, gegen die Anhäufung von Reichtum ohne gesellschaftliche Verantwortung, gegen unproduktiven Konsum auf Kosten der Gemeinschaft. Deshalb war es kein Zufall, daß die Kapitalismuskritik verschiedenster linken Gruppen und Parteien immer vom völkischen Ressentiment gegen „abgehobene Intellektuelle“ sowie von Antiamerikanismus und Antisemitismus (offen oder verdeckt als „Antizionismus“) begleitet wurde."

Immerhin wird in diesem, bereits aus den Anfängen der neulinken Antifa stammenden Text, schlußendlich deutlich, worum es den Autoren im Grunde geht: das absehbar brutale Scheitern einer Ideologie dialektisch zu verbrämen, die wahren Freunde und Feinde -was den Kapitalismus angeht- zu sortieren. Obwohl Max Horkheimer und mehr noch Theodor W. Adorno von den intellektuellen Führern der neulinken Antifa sehr selektiv ausgeplündert werden, so ist das Diktum Horkheimers im Sinne von: wer vom Faschismus redet, darf vom Kapitalismus nicht schweigen kaum hintergehbar, sind skurrile und in der Regel pseudowissenschaftliche Umdeutungen dennoch nicht ungewöhnlich in diesen Kreisen neoliberal grundierter Neulinker.

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In dem Sinne und im Grunde auch ganz ohne die sog. Antisemitismuskeule wird beinahe jede(r) unter Verdacht gestellt, den so definierten, neulinks zu entlarvenden Totalitarismus zu fördern, wenigstens zu billigen. Unter  genau diesem Vorwurf, via dieser Antifa 2.0 haben sich -so die Herausgeber des Sammelbandes- Kräfte in den Vordergrund gedrängt, die ein weitaus dringenderes Bedürfnis verspüren, die Proletarier zu bekämpfen, als die Arier. Und das trifft beispielsweise nicht nur die Protagonisten der neuen Montagsdemos, kam auch die HartzIV-Aktivistin Inge Hannemann ganz schnell unter die neoliberalen Räder. Erkennbarer und noch aktueller waren bzw. sind es die überwiegend aus dem muslimischen Kulturkreis stammenden Refugees und deren Support.

Die Ursachen der aktuellen Wanderungsbewegungen, gerade derer aus dem mittleren und östlichen Mittelmeerraum bis in den nahen und mittleren Osten zu hinterfragen, das dürfte ohne einen gewissen Antiamerikanismus, ohne Antizionismus im Sinne bzw. mit Bezug auf die dort jeweils Herrschenden und deren Ideologie kaum darstellbar sein, ist damit und beinahe per Definition ein striktes Tabu für die neulinke Antifa hierzulande.

Man sollte also genau hinschauen, wenn sich die hehre Amadeu Antonio Stiftung, deren medialer Arm names publikative.org oder andere Medien wie beispielsweise die Ruhrbarone oder die unverwüstliche JungleWorld (nur mal die relativ bekannten Antifas genannt) zum Thema Asyl und gerade, bzw. in Gestalt derer einlassen, welche bereits sarrazinesk, negativ konnotiert geoutet wurden.

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Ironie am Rande, soweit man unter oben dargestellter Perspektive die bekannten, die entrüstet vorgetragenen Spiegelfechtereien zwischen der neulinken Antifa und den Protagonisten im Dunstkreis der NPD beispielsweise betrachtet. V-Leute wohin man schaut...