20 Nov 2013

Die Medienkrise aus Konsumentensicht

Submitted by ebertus

Ein Blogtext beim Freitag nebst Kommentaren dort ist Anlass genug, eigene Überlegungen und Erfahrungen zu reflektieren, zu konkretisieren und niederzuschreiben.

Das Allgemeine, das Grundsätzliche sei bei diesem Blogtext hintenan gestellt, beginnt es mit drei Fallbeispielen, primär aus Sicht des Konsumenten, des Nutzers von Medien:

Medienkrise, die Erste: Die Financial Times Deutschland (FTD)  wurde meinerseits und bis zu deren Einstellung immer gern online gelesen, im nicht so netzaffinen Familien- und Freundeskreis dagegen relativ oft in der Papierform gekauft. So fand sie vor ihrem Weg in den Altpapiercontainer auch immer mal auf meinen Schreibtisch. Gerade die Wochenendausgabe bot interessante Artikel, die nicht (oder noch nicht) online verfügbar waren.

Seit der Einstellung der FTD liegt das für den Kauf eingesetzte Kapital der Konsumenten nun brach, wurde bislang kein adäquater papierner Ersatz gefunden. Im Netz ist das eine leichte Übung, sich eine überschaubare Zahl an Blogs zusammenzustellen, welche den liberalen (linksliberalen?) Tenor der FTD widerspiegeln, auch deren Art zu Schreiben, finanzpolitische Themen relativ allgemeinverständlich zu transportieren, das Thema wider dem systemkonformen Paradigma gelehrter Betriebs- und Volkswirtschaft zu hinterfragen; ein Stück weit zumindest.

Aber in (gern zu bezahlender) Papierform?

 

Medienkrise, die Zweite: Die israelische Tageszeitung Haaretz, deren englische Onlineausgabe bot mir bis zur Errichtung der Bezahlschranke (vor gut einem Jahr) beinahe täglich Anlass, dort hinein zu schauen, interessante Artikel zu lesen. Gern wurde meinerseits daher das Angebot von Haaretz akzeptiert, sich für zehn frei lesbare Artikel im Monat zu registrieren; ein sog. Schnupperabo wohl.

Aber genau das ging (für den Anbieter) nach hinten los. Selbst in den ersten Monaten und im Grunde noch voll im gewohnten Lesemodus wurden meinerseits die erlaubten zehn Artikel kaum je erreicht; mittlerweile sind es bestenfalls ein bis zwei...

Zwei sehr grundsätzliche und weit über das genannte Medium hinaus zu verstehende Gründe waren für diesen negativen Effekt wohl verantwortlich. Erstens nervt das jeweils notwendige Anmelden - man stelle sich vor, derartige und möglicherweise auch noch zahlungspflichtige Abos bei verschiedenen Medien zu unterhalten. Zweitens ist es Fakt, und nicht erst seit dem Fall Snowden mit etwas Gedankenarbeit zu konstatieren, dass eine explizite Anmeldung es technisch möglich macht, das Leseverhalten des Konsumenten zu überwachen und ggf. auszuwerten. Zielgerichtet eingeblendete, über Mail bzw. gar die hinterlegte Postadresse ausgelieferte Werbung mag dabei sogar noch als ein relativ harmloses Szenario gelten.

 Aber auch für Haaretz & Co. gibt es natürlich Ersatz in Form von Blogs, oft nicht weniger qualitätshaltig und ansonsten auch schon mal konkreter, deutlicher in der Aussage; weil eben nicht auf eine weitgespannte, heterogene Leser- und Aboklientel Rücksicht nehmen zu müssen.

 

Medienkrise, die Dritte: Eine nicht unwesentliche Frage für zumindest einige Konsumenten ist die nach den Eigentumsverhältnissen hinter dem Anbieter. Der englische Guardian wird nach meinem Kenntnisstand von einer Stiftung getragen, ist möglicherweise gerade deshalb relativ unabhängig.

In der deutschen Medienlandschaft überregionaler Tageszeitungen sind das beispielsweise die taz und die JW, welche als Genossenschaft firmieren.  Wer hier ein Abo unterhält, gar Anteile an der Genossenschaft zeichnet, der hat über den reinen vom Medium gelieferten Gegenwert hinaus mit Sicherheit eine teilweise bis komplett andere Intention was die Zahlungsbereitschaft betrifft. Dies mag einerseits die gewünschte, die weitgehende bis komplette Abwesenheit von Werbung nebst einer ansonsten damit einhergehenden Abhängigkeit (des Mediums) bedeuten, oder andererseits eben die grundsätzliche Entscheidung, einen eigenen kleinen Beitrag wider das große Kapital zu leisten.

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"Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten." schrieb bereits 1965 Paul Sethe, einer der Gründungsherausgeber der FAZ und Noam Chomsky stellte diese Tatsache mit seinem Propagandamodell dann Ende der 1980er auf eine eher akademische Grundlage.

Das Internet, gerade in seiner Inkarnation als sog. Web 2.0 stellt nun das von Sethe und Chomsky Postulierte ein Stück weit zur Disposition. Und dies gleich auf verschiedene Art und Weise, als Herausforderung an das Etablierte, das Systemkonforme.

# Die Kosten für eine Verbreitung von Meinung sinken extrem, gehen beinahe gegen "null".

# Die Technik macht es zunehmend möglich, dass Jede(r) Sender und Empfänger zugleich sein kann.

# Das wachsende, sog. journalistisch-akademische Proletariat bringt nicht nur formal qualitätshaltige, wenngleich thematisch in der Regel spezifisch zu verstehende Blogs etc. hervor.

Das primäre Top-down des herkömmlichen Journalismus ist somit immer schwerer aufrecht zu erhalten, oszilliert zunehmend zwischen einem gebetsmühlenartig beschworenen Qualitätshype und dem technisch-visuellen Overkill. Beides wohl eher ein Wettlauf wie der zwischen Hase und Igel - und das ist auch gut so...

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Der Vollständigkeit halber hier der Link zum eingangs erwähnten Freitagsblog.

 

Mal die Wochenend-taz

Und zu den ersten Zahlen für "BILDplus"

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Na ja, wer das dann braucht...

Selbst wenn man mal unterstellt, dass die Zahl der Abos echt ist, also keine wie auch immer gesponserten etc. enthält, dann war es das wohl, dürften alle "early adopter" ihr Abo nun haben, testen; möglicherweise wieder kündigen. Und neue bzw. weitere zu gewinnen, das dürfte schwierig sein.

Btw. e-paper! Habe mir mal die Wochenend-taz zu 1,29 Euro geleistet. Das Zahlverfahren per Lastschrift ist easy und der Download (habe epub gewählt) auf den PC funktionierte einwandfrei. Warum geleistet?

1. Um mal das neue Tablet zu testen
2. Interessehalber wie e-paper bei einer Zeitung funktioniert
3. Primär wegen dem Text von Dirk Knipphals (Buchverlage etc.)

Ergo: Das Tablet mit Calibre (via PC), Moon+Reader und Kindle-App bestückt funktioniert mit einiger hin und her Schiebe/Konvertiererei recht gut.

Das taz-Paper ist mit Sicherheit noch verbesserungswürdig; fühlte mich teilweise lost in...

Der Text von Knipphals ist gut geschrieben, angenehm zu lesen und außerdem recht aussagefähig, was die Philosophie, die Weiterungen und die Spekulationen bezüglich der Buchbranche betrifft.

Aber ob ich ein generelles (e-Abo) eingehen würde...?

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Hier der Link zu meinem Kommentar, dem taz-Artikel bezüglich Springers ersten Zahlen