10 Sep 2013

Lektionen die das Leben lehrt

Submitted by ebertus

Es gibt Diskurse, bei denen man nichts gewinnen, nichts richtig machen, im Gegenteil und in der Regel eh' nur verlieren kann. Wie man damit umgeht, umgehen kann, das lehrt nicht zuletzt das Leben; eben..., auch im Diskurs.

Asylpolitik ist so ein Thema, bei dem Konkretes beinahe zwangsläufig angreifbar macht, bei dem stattdessen und im einfachsten Falle Betroffenheit zelebriert wird. Oder, als härtere Variante, den sich etwas konkreter äußernden Diskursteilnehmern beinahe reflexartig eine latent rechte Gesinnung, Rassismus und NS-Nähe unterstellt wird. Unvermeidbar wohl und aus meiner Sicht ist dann manchmal das Ende der berühmten Fahnenstange erreicht, sprich der Rückzug vom Diskurs das Mittel der Wahl.

Eine Lebenserfahrung: Menschen entscheiden nicht gern und beziehen in der Regel eher unverbindliche Positionen, soweit die Causa über den persönlichen Tellerrand hinaus reicht. Menschen sind in der Regel ganz zufrieden, wenn ihnen derartige, möglicherweise notwendige Entscheidungen abgenommen werden. Menschen können durchaus kämpfen, wenn es für sie oder ihre Lieben existentiell wird. Menschen neigen allerdings und ansonsten auch zu Fatalismus, zu Resignation und sei es auf sog. hohem Niveau. Menschen wissen spätestens im Nachhinein und soweit es Probleme gibt, was aus ihrer Sicht besser, richtiger gewesen wäre. Das "Richtige" im Vorfeld aber bitteschön im Diffusen verorten, sich nicht festnageln lassen, nicht angreifbar machen. Und wer werfe den ersten Stein, wer ist wirklich und absolut frei davon? Der Blogautor hier mit Sicherheit nicht!

 

Exkurs in die (eigene) Vergangenheit:

Als junger Mensch, Ende der 1960er und ein mögliches technisches Studium noch im Hinterkopf, so war es Zeit für ein längeres Praktikum in einem größeren Industriebetrieb; am Puls der Zeit, der kleinen Leute sozusagen und die gewisse Nähe, das Aufbauen von Vertrauen gehört dazu. Was musste ich mir als quasi Externer da in den Pausen, den Hintergrundgesprächen anhören? Wie schlecht dies, das und jenes sei, wer böse, böser am Bösesten ist, ungerecht als Vorgesetzte(r) sowieso. Frisch und frei von der Leber weg gesprochen, gern auch schon mal etwas drastischer im Ton, mit viel Engagement, ehrlich rübergebrachter Betroffenheit. Und dann natürlich die Vorschläge, wie Schlechtes besser zu machen sei, soweit man nur auf sie hören wollte. Was mir zu dieser Zeit noch entging, das waren die internen, die sehr subjektiv gelebten Rivalitäten der MitarbeiterInnen untereinander, welche objektive Gegebenheiten sehr schnell Makulatur werden lassen können, jedwede Solidarität dann außen vor bleibt.

OK, so Manches klang plausibel und ich war einerseits jung genug und dahingehend unerfahren, andererseits eben ein Externer. Die nächste Betriebsversammlung kündigte sich an und die Töne wurden schriller, was man denen da oben immer schon mal sagen wollte, ja müsste. Meine Wenigkeit tat das dann, bereitete sich zu den verschiedenen Thematiken noch etwas vor und meldete sich während der Versammlung zu Wort. Hoch oben auf der Bühne da thronten Sie, die Geschäftsführung und der Betriebsrat, schauten auf die Schäfchen, auf mich herab. Nach kurzem Blick auf meine Kolleginnen und Kollegen, deren Nicken und Lächeln als Aufmunterung verstehend so hielt ich dann meinen Vortrag, wurde sehr konkret und dennoch ohne explizit die Namen der Kritiker zu nennen. Auf geht's...

Nichts ging! Der nächste Blick zurück zeigte mir, dass die großen Kritiker auf ihren Stühlen immer kleiner wurden, wohl Sorge hatten von mir gar namentlich aufgefordert zu werden nun ebenfalls Stellung zu nehmen, authentischer in jedem Falle als ich dies in meinem Praktikantenstatus tun konnte. Die Geschäftsleitung erwies sich als recht souverän, ging sogar ein wenig auf die von mir genannten Punkte ein. Reservierter war die Reaktion der Berufsoffiziellen, deren Job ich wohl gerade machte, sprich: die Mitglieder des Betriebsrates. Das sei alles schon lange im Gespräch und auf einem guten und konstruktiven, einem lösungsorientierten Wege.

Oder hat da noch jemand von den Kollegen und Kolleginen hier etwas zu ergänzen...?

Grimmiges Schweigen im Walde - und meinerseits war eine Lektion gelernt.

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Was lehrt uns das, hat es zumindest mich gelehrt? Gerade im Hinblick auf Themen, die nicht sofort und deutlich erkennbar die eigenen sind? Damit also zurück zur Asylpolitik, Asylproblematik, falls dieser Begriff an sich nicht schon problematisch ist. Wo wurde/wird nach den geschilderten Erfahrungen zukünftig äußerst kritisch hingeschaut, die zu übende Solidarität hinterfragt? Natürlich, immer dann, wenn es nicht das eigene Thema, das ureigenste Interesse betrifft! Da ist es wesentlich stressfreier, sich auf berufsoffizielle Vertretungen zu besinnen, ansonsten im Betroffenheitstenor zu verweilen. Wer gerade in dem Kontext eigene, konkrete Positionen vertritt, über den allgemeinen, den politisch korrekten Tenor hinaus, der macht sich angreifbar. Und das wiederum kann sich mancher nicht leisten, der noch in gewisse berufliche oder anderweitige institutionelle Zwänge und Rahmenbedingungen eingebunden ist.

Das Thema Asyl würde ansonsten gerade dazu auffordern, die verschiedenen Weiterungen intensiv, ernsthaft, aber eben auch konkretisierend zu diskutieren. Hier seien kurz nur einige sog. Essentials angesprochen, die geltende Einbindung in EU-Regularien einfach mal aussen vor gelassen:

Wenn beispielsweise und wie mancherseits gefordert eine äußerst liberale Asylpolitik verfolgt werden würde, so sind Definitionen zu (betriebswirtschaftlich gesprochen) Mengen und Häufigkeiten, zu regionaler Verteilung, zu den kulturellen und ethnischen Gegebenheiten der Asylsuchenden wohl nötig. Dies wiederum ist Voraussetzung für die zu klärenden Fragen von Unterkunft und Einbindung in das soziokulturelle, gesellschaftliche System. Da nur ein geringer Teil der Hilfesuchenden zu ökonomisch-wirtschaftlicher Selbstbestimmung in der Lage sein wird, so sind Regularien bezüglich der Unterhaltskosten, der Arbeitsgenehmigung einschließlich allfälliger Aus- und Weiterbildung zu definieren.

Das Vorgenannte findet darüber hinaus natürlich nicht in einem luftleeren Raum, in einem menschenleeren, rechtsfreien Gebiet statt. So helfen akademisch durchwirkte Appelle nur wenig, wenn die Neuankömmlinge jenseits einer Ghettoisierung dann mit denen hierzulande verdichtet werden, die ebenso und zunehmend auf die staatliche Wohlfahrt und dessen Regularien angewiesen sind. Da dieses Ausspielen der Schwachen gegen die noch Schwächeren Programm ist, dem hierzulande herrschenden Gesellschaftssystem faktisch innewohnt, so ist über daraus sich beinahe zwangsläufig entwicklende gesellschaftspolitische Szenarien nebst der möglicherweise notwendigen Begrenzung von durchaus noch zu definierenden Fehlentwicklungen ernsthaft das Gespräch zu führen. Und...

es  müssen irgendwann von irgendwem zumindest irgendwie rechtskonforme Entscheidungen bzw. Vorgaben getroffen werden. Über deren Umsetzung, über  Regularien oder gar Sanktionen bei Nichteinhaltung dieser Vorgaben durch Betroffene jedweder Couleur darf ebenfalls gern nachgedacht werden.

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Vier kurz kommentierte Links mögen hier folgen, wird die Problematik hierzulande durchaus diskutiert. Gerade zu Syrien gibt es da wohl gerade einen Wettbewerb, in dem nun plötzlich gar eher konservative Politiker den Schulterschluß suchen, nach einem Beitrag der taz plötzlich zu Guten mutieren. Das neokoloniale Nationbuilding unserer Freunde und Überwacher schafft mittlerweile auch rund um das Mittelmeer ein zunehmendes Potential an Schutzsuchenden. Die Jacke des Mitschuldigen zieht man sich dann wohl zähneknirschend an.

Anderswo geht es anders lang, wie ein Bericht von SPON aus Israel zeigt. Die einzige Demokratie im Nahen Osten setzt da gar gleich mal neue Masstäbe, löst das Problem betriebswirtschaftlich. Nun, dort in Israel werden die Politiker nicht so schnell zu den guten, ganz im Gegenteil. Da stiften sie gleich noch zu Menschenhatz an und werden gemäß 972mag dafür gar bei Gericht in allgemeiner, nicht namentlicher Form ermahnt.

Der letzte Link geht zum Freitag und es darf geraten werden, in welche Ecke der Blogautor und auch KommentatorInnen dann gestellt werden; dort und anderswo im ach so seriösen Diskurs.

Abschließend vielleicht noch zu diesem von @MAGDA dort beim Freitag in einem Kommentar verwendeten Begriff vom "Einwandererland Deutschland". Aus meiner Sicht und bis vor wenigen Jahren eher unkritisch reflektiert, so war dieser Begriff bis dato absolut positiv konnotiert. In den Diskussionen mit einer dahingehend kompetenten Kommentatorin wurde mir jedoch dann klar, dass wie auch immer geartete Regularien zur Einwanderung das Recht auf Asyl nicht ersetzen können. Außerdem: Einwanderung via der bunten Kärtchen gibt es doch bereits für sog. Hochqualifizierte. insofern wird da also etwas tiefer, grundsätzlicher anzusetzen sein, oder?

 

Real Fremdenfeindlich

Natürlich, derartige (taz-Beitrag) Taten wie im sächsischen Bad Schandau müssen nach den hier geltenden rechtsstaatlichen Prozeduren verfolgt, angeklagt und ggf. bestraft werden. Da passt kein Blatt zwischen uns.

Und dann, ganz grundsätzlich, gern konkret und perspektivisch über Betroffenheit hinaus? Höhere Strafen für bestimmte Delikte zu fordern ist natürlich legitim, das erfolgt oft reflexartig und je nach politisch-medialer Couleur nicht nur in Fällen von Rassismus. Wobei, und in meiner Empfindung gern als zynische Returkutsche auf so manche sarrazineske Law and Order Propheten zu verstehen, ist mit "Rausschmeissen", sprich abschieben in dem vorliegenden Fall eher nichts zu machen, dürften die Täter wohl "Deutsche" nach Geist und Gesetz sein.

Aber das ist (mir) einfach zu wenig, zu viel beinahe entschuldigendes business as usual - und dann bis demnächst, war nett darüber geredet zu haben. Ok und natürlich zugegeben, mir geht es dabei weniger um die Konstatierung von Symptomen denn um die (gern auch akademisch-distanziert) zu stellende, zu diskutierende Frage nach den mit Sicherheit vielfältigen Ursachen. Was dann natürlich, einem zelebrierten Fatalismus anheim gestellt nicht "von heute auf morgen" zu ändern sein wird. Aber um etwas zu ändern, wenigstens mittelfristig wirksam anzustoßen, da müsste zuerst Konsens darüber erzielt werden, was denn die Ursachen sind.

auch wenn nur

rein akademisch....
http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/de/aktuell/veranstaltungen/ve...
vielleicht doch mal reinhören?

Ja, mal reinhören...!

Habe den Link erst mal zum Funzen gebracht, alles weitere ...

dieses hier

"Da nur ein geringer Teil der Hilfesuchenden zu ökonomisch-wirtschaftlicher Selbstbestimmung in der Lage sein wird, so sind Regularien bezüglich der Unterhaltskosten, der Arbeitsgenehmigung einschließlich allfälliger Aus- und Weiterbildung zu definieren."
gehört in seinem ersten teil in die märchen von alf-leila-wa-leila (1001 nacht).
bevor sie zu asylsuchenden/flüchtlingen wurden, waren sie dazu durchaus in der lage.
die frage ist also nur, wie man sie in ebendiesselbe lage (rück-)versetzt.

wenn ich die bunte mischung der berufe meiner mandantinnen revue-passieren lasse, dann war da alles dabei. alles!
von der analphabetischen bäuerin bis zum hochdekorierten general.
gern denke ich an die teppichknüpferinnen aus Turkman Zara (Iran): die hätten nach einer kurzen orientierungsphase ohne weiteres ihre familien ernähren können. denn teppichknüpferinnen sind bei teppichhändlern mit angeschlossenem reparatur/restaurationsbetrieb hoch begehrt! und mit dem stichwort restaurierung eröffnet sich noch mehr an tätigkeitsfeld.

der nicht nur stammtisch muß endlich davon abschied nehmen, dass asylsuchende/flüchtlinge vor und nach und ohne anerkennung nur zum bauhilfsarbeiter und zur putze taugen.

Du verengst da etwas

Habe ja ausdrücklich von "Aus- und Weiterbildung" geschrieben, weil zumindest die rudimentäre Beherschung der deutschen Sprache gerade in den Jobs jenseits von "bauhilfsarbeiter und putze" sehr hilfreich sein kann.

Aber das ist wohl eher das kleinere Problem (wenn überhaupt), weil ja Asylgewährung -und im Gegensatz zu Einwanderung- dahingehend keinerlei Vorgaben machen kann, oder? Und Dein Beispiel der Tepichknüpferin ist doch nun wirklich in der absoluten Nische anzusiedeln, was meinerseits ja ganz pauschal im Sinne von schnöder Betriebswirtschaft unter "Mengen und Häufigkeiten" angesprochen wurde.

Syrien, die kontingentierte Aufnahme wird ja gerade politisch-großmedial gehypt und so fand ich den heutigen Artikel der JW recht informativ im Sinne von a) wer da bevorzugt kommen darf und b) welche finanziellen Rahmenbedingung für sog. Familienzusammenführung gelten. Link

verenge?

ich dachte, zur weitung des blicks beizutragen.
man muß die nischen ausleuchten, nicht ignorieren!
gerade in dem, was man so den handwerklichen bereich nennt, findet sich erstaunliches. man muß nur danach fragen - und dann sich was einfallen lassen. die bundesanstalt für arbeit ist in ihren ARGEN/job-centers darauf nicht eingerichtet.
und für das, was hierzulande auch ausbildungsberuf ist, gilt es ein paar schranken abzubauen ... ich hab mir mal die finger wundtelefoniert um herauszufinden, wie mein kfz-mechanikermeister aus dem Irak hier den meister anerkannt kriegen kann - no way. (na ja, er hat dann halt mit strohmann-meister den betrieb hochgezogen).
interessant sind auch die ingenieur_innen, die so kommen: bewässerung, agrarwirtschaft schlechthin, aber auch anderes wie brücken- und straßenbau. so was gibt es doch nicht nur in 'schland!
und wenn ich an meine hunderte lehrerinnen aus Iran denke! da könnte man mehrer schulen aufmachen.
die sprache? kann man lernen. wie mathematik auch - hab ich in Israel immer gesagt, wenn ich angeguckt wurde wie ein kalb mit zwei köpfen.
einen germanisten aus Rumänien hatte ich dabei. krankenschwestern sowieso. eine leiterin einer blutbank und ein röntgenassistent ist mir auch schon untergekommen (der hat es über schwangerschaftsvertretungen in eine vollzeitstelle geschafft, seine syrische liebe geheiratet, kinder gemacht... aber ja, sowas war+ist mit asylberechtigung leichter als ohne)
meine eine zahnärztin war mal meine mandantin - die hat dank Otto-Bennecke-stiftung studiert.

was BMI und AA sich bei der familienzusammenführung Syrien erlauben - das geht auf keine kuhhaut! allein das visum-verfahren ist ein ding der unmöglichkeit -> http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-07/syrien-fluechtling...

so weit mal...

Ja, Du verengst es

auf ein emotionales Wunschdenken, welches mich gerade während derer zwei Besuche auf Ellis-Island, dem Nachverfolgen dieses amerikanischen Traumes, dieser multikulturellen Erfolgsgeschichten auch immer wieder in den Bann gezogen hat.

Asyl und/oder Einwanderung nebst Regularien? Bin dabei!

wunschdenken, emotionales?

oh nein. ich habe eben nicht nur asylverfahren beruflich begleitet sondern auch miterlebt, was die leute so mitbrachten und - so es gelang, sie hier einzufädeln - daraus machen konnten.

einwanderung gibt es hier ja auch. auch nach dem anwerbestopp. aber das ist ein gesetzlicher flickenteppich, von der blue card bis hin zu regeln für spezialitätenköchinnen und künstlerinnen und und und. ich denke/hoffe, dass die EU da einen rahmen abstecken wird/könnte, der 'schland zwingt, das, was in allerlei verordnungen versteckt ist, in gesetzesform zu gießen.

war übrigens von der Süßmuth-kommission auch angedacht... aber: man konnte sich nicht darauf verständigen, dass auch für arme mit kind eine möglichkeit geschaffen werden müßte. na ja... das regelt jetzt eben auch die EU über die freizügigkeitsrichtlinien.