8 Nov 2013

Reforestation

Submitted by ebertus

Ein Beitrag von Mondoweiss

 

Antisemitismus sei gesellschaftsfähig geworden, so wird es in diesen Tagen gern medial vermeldet. Und die drohende "Auswanderung" gleich mal mit in den Raum gestellt. Vielleicht ist die Erklärung von Gesellschaftsfähigkeit viel subtiler, scheint dieser neue Antisemitismus, der sog. sekundäre Antisemitismus namens "Israelkritik" einem  Perpetuum Mobile nahe zu kommen, erzeugt er doch permanent und beinahe wie von selbst immer neue Antisemiten; weltweit...

 

 

 


 

Die Definitionen von sog. Schurkenstaaten wechseln aktuell schneller als Manche(r) die Unterwäsche. Die USA und Großbritannien stehen wohl aktuell an erster Stelle, es wird einmal mehr mit den Füßen abgestimmt. Sarah Harrison, Laura Poitras, Jacob Appelbaum und Glenn Greenwald befinden sich faktisch im Exil, die erstgenannten drei dabei gar in Berlin. Möge es ihnen hier gut ergehen! Jenseits dieser im Rahmen der Wikileaks und Snowden-Affären bekannt gewordenen Einzelpersonen vollzieht sich relativ unbemerkt jedoch eine noch ganz andere Entwicklung:

More on that story that won’t go away: Israelis moving to Berlin, now 20,000 strong. A lightning rod for rightwingers like Yair Lapid, the self-exile from the Jewish state raises all sorts of questions about the reforestation of Jews in Europe and the Jewish ideal of living as an empowered minority in a diverse liberal society. And yes, too, the right of return to a society that ethnically cleansed your people, Ashkenazi Jews.

Zitiert nach dem amerikanisch-jüdischen Blog Mondoweiss und 100.000 Israelis haben deutsche Pässe ist weiter unten in einem Hinweis von Annie Robbins zu lesen. Dieser jüdische, israelische self-exile mag auf den ersten Blick wenig mit den weiter oben genannten Personen zu tun haben, auf den zweiten dann doch schon. Nicht zuletzt ist die israelische Gesellschaft und mehr noch als das nordamerikanische Original umfassend militarisiert, muss sich jegliches zivile Leben der faktischen Normalität dieses Ausnahmezustandes unterordnen. Und das bedeutet im Falle Israels und mehr noch als in den USA die Hinwendung zu einer religiös-nationalen Grundstimmung, welcher die Werte der Moderne, der (westlichen) Aufklärung zunehmend fremd, allumfassende Überwachungsmaßnahmen und Einschüchterungen dagegen an der Tagesordnung sind.

Offener Rassismus steht dabei ebenfalls auf der Agenda, wie dieser Freitagstext, das dort thematisierte Video zeigt. Und nein, diese Tendenzen wohnen kaum den jungen, den liberalen und weltoffenen Israelis inne, die beispielsweise nach Berlin kommen. Dieses Denken ist eher bei den sog. Armutsflüchtlingen zu verorten, welche ab 1990 aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks nach Israel auswanderten. Nicht nur für mich stellt dieser Sachvehalt ein gewisses Paradoxon dar. Gerade in Osteuropa wurde die jüdische Bevölkerung von den Nazis doch beinahe vollständig vernichtet, so der mir bekannte, historische Hintergrund. Wo kommen denn nun genau aus diesen Gegenden ab 1990 die Millionen Menschen jüdischen Glaubens her? Menschen, die nun als jüdische Siedler für die Errichtung eines Groß-Israel weit jenseits der bis 1967 und im Grunde nach wie vor geltenden völkerrechtlichen Grenzen gebraucht werden?

Dieser israelische self-exile "raises all sorts of questions..."und mag für die "best friends" hierzulande als GAU daherkommen, dürfte allerdings von diesen Sektenkriegern mit Sicherheit verdrängt bzw. ignoriert werden; so zeigt dies dennoch und sehr grundsätzlich eine gewisse, gar doppelte Ironie. Zum einen eben diejenige, dass die sog. Antideutschen das Jüdische vom Begriff her zwar gern als diffamierenden historischen Gruselfaktor einsetzen, es sich aber gerade während der Beschneidungsdebatte herausstellte, dass die hierzulande besten Freunde Israels mit konkreter jüdischer Religion und Kultur eigentlich nichts am Hut haben, Beschneidung, sprich: Vorhautamputation bei Kleinkindern nun bitteschön nicht so nahe kommen sollte.

Die zweite Ebene dieser doppelten Ironie zelebrierten die im Rahmen der Beschneidungsdebatte sich entrüstet gebenden (jüdischen) Berufsoffiziellen nebst nachlaufender, wissender Betroffenheit. Einmal mehr war zu vernehmen, mit subtilen bis offenen "Vergleichen" a la Godwin's Law garniert, die aufscheinende Apokalypse fest im Blick, dass dieses jüdische Leben massiv gefährdet sei, soweit nicht frei und unbeschränkt auch hierzulande amputiert werden darf. Das sehr Konkrete liegt nunmehr in der Tatsache begründet, dass es sich bei diesen von Mondoweiss thematisierten, exilierten Israelis überwiegend um junge Menschen wohl handelt, die Frage der Beschneidung des eigenen Nachwuchses sich erwartbar stellen wird: und genau das gerade in Israel doch vollumfänglich gewährleistet gewesen wäre...

Darüber hinaus und beinahe zwangsläufig stellt sich hierzulande, unter den Bedingungen des Exil nun das Thema der sog. Mischehen. Eine Art von Beziehung, mit der sog. secular liberals eher kein Problem haben, die der anderweitig angesprochene Peter Beinart jedoch wohl ablehnt, meinerseits mit dieser Ablehnung -und bei ansonsten weitgehender Zustimmung- nicht unbedingt konform gegangen wird. So what, der Staub des Schlachtgetümmels namens "Beschneidung" hat sich gelegt und im (vorläufigen) Nachhinein, im Tenor dieses Blogtextes hier, des Beitrages von Mondoweiss hat selbst ein ansonsten Hardliner wie Michael Wolffsohn weitgehend Recht behalten.