15 Nov 2010

Von Pierre Bourdieu zu Günter Grass

Submitted by ebertus

Schon komisch? Über einen französischen Soziologen zurückbesinnend auf einem deutschen Literaten. Von Grass kannte ich bislang und neben seinem (andauernden?) Engagement für die SPD lediglich und in Auszügen das "Tagebuch einer Schnecke" sowie die Blechtrommel. Gerade der darauf basierende Film von Volker Schlöndorf hatte es mir aus junger Mensch angetan. Nicht zuletzt die Szene im Badehaus war irgendwie prägend, gerade auch und aktuell, wenn man den damaligen, den geschlechterspezifischen Rollentausch mit diesem, den primär auf Quote und Voyeurismus zielenden Lynchmob-Pranger des Trash-TV vergleicht.

OK, Kunst, entartete Kunst, oder doch vielleicht halbwegs deutsche Leitkultur? Im Gegensatz zu den USA und Kanada hatte der Film hierzulande kein rechtsrelevantes, zensurelles Nachspiel und möge also auch hier im Text nun kein essentieller Fixpunkt sein, keinen Nebenkriegsschauplatz markieren, kein Futter für u.U. bigotte, christliche Fundamentalisten darstellen. Deutsche Nachkriegsliteratur - und deren filmgemäße Umsetzung - ist andererseits natürlich ein spannendes Thema, sollte bei entsprechender Gelegenheit auch in diesem Blog thematisiert werden. Vorerst ist jedoch die Gesellschaftspolitik im Fokus, hier und primär die Perspektive von Pierre Bourdieu.

Ende 1999, Hartz IV in weiter Ferne, noch vor 9/11, lange vor dem mittlerweile sarrazinen Konstatieren einer Bedrohung unserer chrstlich-abendländischen Leitkultur durch arabisch-asiatische Schurkengene, fand dieses, so meine ich, denkwürdige Gespräch statt. Lafontaine hatte bereits hingeschmissen und die Grünen wurden nach und nach mit kleinen Machtanteilen, via alternativlosem Sachzwang eingebunden, warfen Utopien und Ideale in großem Umfang über Bord, machten in der Folge "alles" mit. Sage niemand, man hätte es nicht wissen, nicht bemerken, sich die perfide Wandlung der SPD nicht vorstellen können. Bourdieu und Grass jedenfalls konnten es, Bourdieu eher noch viel früher, wie seine entsprechend Flagge zeigenden Aktivitäten im Frankreich der 90er dies eindrucksvoll unterstreichen; gerade auch aus heutiger Perspektive.

Beispielhaft also England, Frankreich, Deutschland - und Bourdieu stellt fest:

"Aber die Macht des Neoliberalismus ist so überwältigend, dass er von Leuten ins Werk gesetzt wird, die sich als Sozialisten bezeichnen. Ob Schröder, Blair oder Jospin, es sind Leute, die sich auf den Sozialismus berufen, um neoliberale Politik zu machen. Dadurch werden Analyse und Kritik außerordentlich schwierig, weil alles seitenverkehrt ist."

"Alles seitenverkehrt..." Keine noch so konservative Regierung hat die Kräfte des Feudalismus, der Leibeigenschaft, der faktischen Sklaverei, hat die Herrschaft der Wenigen, der Besitzenden so zu neuen Ufern geführt, die eigenen Wähler so perfide hintergangen wie die SPD - und ihre Namensvettern eben, primär in Frankreich und England. Sage niemand, dass dies nicht schon damals zu erkennen war, und beinahe jeder Satz in diesem Gespräch von Bourdieu und Grass ist ein Keulenschlag, hat aktuelle Relevanz und ist auch heute noch nicht einmal in allen, möglichen Weiterungen erkennbar. Klar ist jedoch, dass es für die Mehrzahl der Menschen eine Leidensgeschichte sein wird, auch oder schlimmer noch, wenn die unersättlichen Hyänen schlußendlich (wieder) selbst übereinander herfallen. Selbst die Wenigen, alles Besitzenden brauchen "ihn" dann immer noch, Dovovans "universal soldier". Als BW im Inneren - nicht mehr nur bei Hochwasser - und um ferne Länder (wieder einmal) an unserem Wesen genesen lassen zu wollen; zumindest unsere Wirtschaftsinteressen überall in der Welt mit Feuer und Schwert durchsetzen zu können.

Mein Zugang in Richtung Pierre Bourdieu waren bislang zwei Semester Bildungswissenschaft als (ewig junger?) Altersstudent. Der leider bereits 2002 verstorbene Bourdieu hat in Frankreich einen Namen als Soziologe, als kritischer Bildungswissenschaftler und als klar Position beziehender, linker Intellektueller. Letzteres und spätestens ab Anfang der 90er, was ihm bei hiesigen, wohlversorgten Elfenbeinturm-Soziologen (oder Philosophen?) schon gewisse Kritik einbrachte. Nachzulesen ist dies u.A. und speziell im Kapitel 8 einer angenehm zu lesenden Einführung von Eva Barlösius.

Die Hauptwerke von Bourdieu harren, und zumindest in Gänze noch meiner Erschließung, wobei und als Einstieg "Die verborgenen Mechanismen der Macht. Schriften zu Politik & Kultur 1" bereits eine hohe Affinität bezüglich seiner Denkweise erzeugten. Es ist wahrscheinlich seine real nachvollziehbare "Logik der Praxis", seine Theorie der Praxis, die ihn unterscheidet von der reinen, abgehobenen Existenzphilosophie eines Jean Paul Sartre, der bewußten Distanz eines "außerhalb" sich wähnenden Ethnologen wie Levi Strauss. Nun, da ist sicher noch Einiges zu lesen, zu entdecken, zu reflektieren; soweit Körper und Geist dahingehend auch weiterhin in der Lage sind. Einige neue und spannende universitäre Semester, nun eher der Soziologie gewidmet, sollten in 2011/2012 noch folgen.

Abschließend möge noch einmal Piere Bourdieu zu Wort kommen, auf den ja - anderweitig erwähnt - dieser TINA-Begriff zurück geht. Demokratie, Fantasie, Utopie und Ideale etc. werden obsolet, sind zur Diffamierung und Lächerlichmachung freigegeben, werden gespielt ernsthaft als existentielle Gefahr (für wen?) dargestellt, wenn doch (angebliche) beinahe naturgesetzliche, alternativlose Sachzwänge bestehen:

"Was können wir, die Intellektuellen, zu einer solchen Bewegung für ein "soziales Europa" beitragen? Die Macht der Herrschenden ist nicht allein eine ökonomische, sondern eine intellektuelle, geistige. Gerade deshalb gilt es, "seinen Mund aufzumachen", eine gemeinsame Utopie wiederherzustellen; denn zu den Fähigkeiten der neoliberalen Regierungen gehört es, Utopien zu töten, Utopien als überholt erscheinen zu lassen."

Dem ist wohl wenig hinzuzufügen, außer vielleicht einem Querverweis, einem Blick auf die jüngere Vergangenheit; und was dahingehend erschreckend, exemplarisch mit den Grünen passierte; aktuell sowieso und erwartbar (in vulgo) "die nächste Verlade, der nächste Verrat"...

Dabei nicht einmal von Bourdieu oder von Grass, aber auch bereits rund zehn Jahre alt, ist der folgende Text. Von einem Gründungsmitglied der Grünen, von Jutta Ditfurth kommt diese Abrechnung mit dem Verrat von Utopien und Idealen. Ein wütender, ein vielleicht resignativer Text - und Satz, der hier (wie dort) lediglich als Schlußsatz fungieren mag.

"Ich will ja Fischer nicht in Schutz nehmen, aber die aalglatte, antisoziale "next generation" der Grünen hat noch nicht einmal die Utopie eines anderen Lebens, die sie verraten könnte."