13 Dez 2010

Marlene im Fronttheater

Submitted by ebertus

Als heute die ersten Meldungen aus Afghanistan über die jüngste Guttenberg-Show auf uns Medienbürger herabrieselten, da musste ich spontan an Oskar Matzerath denken. Nein, diesmal nicht an die Szene mit Maria und dem Brausepulver sondern an das Fronttheater. Sind wir schon wieder soweit? Müssen telegene, extrovertierte Menschen incl. dem sie begleitenden Schowmaster dort - und für die Heimat - das Fronttheater aufführen? Ist das bereits wieder so ernst oder wird aus dem vielfältigen Leid die mediale Gaudi extrahiert?

Vorerst ohne aktuellen Link hier, der mediale Mainstream erfüllt seine Aufgabe, seine eher unkritische Hofberichterstattung doch "für uns" an vorderster Front.

Stattdessen der Link auf dieses (extreme?) Sittengemälde, eine literarische Aufarbeitung der letzten Kriegsjahre, eine gewiss entartete Kunst im Vergleich zu dieser aktuellen Botschaft von dem schönen Paar, dort auf Truppenbesuch zur Weihnachtszeit. So angenehm kann ein dem deutschen Wesen eher entsprechender Krieg doch sein.

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Blechtrommel

Prinzenrolle vorwärts

Prinzenrolle

Durch die Straßen durch die Gassen,
läuft das Volk und jubelt laut.
Auch wir haben einen Prinzen,
einen der sich mal was traut.

Seht, wie herrlich dieses Mannsbild,
dieser Gang und dieser Blick.
Alles an ihm ist von Adel.
Deutschland, Deutschland, welch ein Glück.

Lasst sie schimpfen – alles Neider,
wir bau`n Dir ein neues Schloss.
Seht` Dich schon, dort unter Linden,
stolz auf einem hohen Ross.

Alle liegen Dir zu Füßen,
weil das Volk es nicht vergaß.
Herrlich warn die Kaiserzeiten.
Schluss mit diesem Mittelmaß.

Steigen wir zu neuen Höhen,
ach, was kümmert uns die Welt.
Endlich wieder einen Prinzen.
Wer fragt noch nach Gut und Geld?

DIE PERVERSE SHOW AUS FEINDESLAND

Die Peitsche knallt in der Hand des Hilfs-Kriegsministers Kerner: Euch werden wir schon beibringen, wie schön er ist, der Krieg! Alternativlos ...

Krieg als Kommunikationsbais in der Hand der Pappnase? Nachhilfe für Frau Merkel, die Mehrheit der Bundesdeutschen, ach wie sind wir gut! Gut verteilte Fragen-Kärtchen, von SAT1 gemischt, telegen in Sczene gesetzt vom Meister himself.

Ja schaut uns nur an, wir sind die Mutigen, die Furchtlosen, ihr, die ihr daheim im sicheren Kämmerlein über diesen Krieg und sein mittlerweile 9-jähriges Desaster herzieht, ihr seid die Feinde unserer Demokratie. „Wir verteidigen unsere Freiheit am Hindukusch.“ Soso.

Haben wir nicht eure Herzen, die verstockten, verdient, ihr Verweigerer?
Trommelwirbel: Auftritt des Kriegsministers zu Guttenberg, selbsternannter Oskar-Anwärter der nächsten Verteilung, im ersten Parkett Ministerpräsidenten, schwarze, das muss so sein. Die Loser, die Soldaten im halbdunklen Rund verteilt. Staffage einer atemlos machenden Show eines überzeugten Anti-Demokraten, der immer noch, nach 9 Jahren Krieg, nungut, man durfte ihn eine ganze Weile nicht „Krieg“ nennen, versucht, die deutsche Stimmung gegen den Afghanistan Krieg umzumünzen in ein „gegen die Soldaten“. Der Dolchstoß-Trick des zu Guttenberg. In 9 Jahren nichts gelernt.

Eine perverse Show da unten am Hindukusch. Und es passt, dass sich die Ministergattin, das Sprachrohr der Titten-Zeitung, ansonsten um Kinder barmend mit ausgestreckter Bettel-Hand, nun streichelnd um die Seelen des bundesdeutschen Nachwuchses kümmert. Da wird bestimmt nicht nur einmal der Große Hindukusch-Orden mit weihnachtlichem Glockenklang verteilt werden, Halleluja! Gepriesen werde der Krieg!

Kerners lustige Musikanten aus Kriegsland in die deutschen Wohnzimmer, da lacht das SAT1-Herz. Und mir, als Bürger, wird wieder einmal klar, warum ich diesen Wurstnasen auch weiter meine bürgerliche Wahl-Stimme verweigern werde.

Und wieder fällt mir Matthias Claudius ein, seit fast 60 Jahren in meinem Kopf festsitzend:

's ist Krieg! 's ist Krieg!
O Engel Gottes wehre,
Und rede Du darein!
's ist leider Krieg –
und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagenen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten und mir fluchten
In ihrer Todesnot?

Wenn tausend Väter, Mütter, Bräute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten über mich?

Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten
Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammelten und mir zu Ehren krähten
Von einer Leich herab?

Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
's ist leider Krieg - und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Die Frage sei erlaubt: was hat sich eigentlich, alternativlos, seit Entstehung dieser Zeilen, 1775, geändert?

Kurt Tucholsky nimmt sich in seinen Zeilen des Alternativlosen an:
(dafür waren seine Zeilen im 1.WK auch verboten)

's ist Krieg!

Die fetten Hände behaglich verschränkt
vorn über der bauchigen Weste,
steht einer am Lager und lächelt und denkt:
»'s ist Krieg! Das ist doch das beste!
Das Leder geräumt, und der Friede ist weit.
Jetzt mach in anderen Chosen –

Noch ist die blühende, goldene Zeit!
Noch sind die Tage der Rosen!«

Franz von der Vaterlandspartei
klatscht Bravo zu donnernden Reden.
Ein ganzer Held – stets ist er dabei,
wenn sich Sprecher im Saale befehden.
Die Bezüge vom Staat, die Nahrung all right –
laß Stürme donnern und tosen –

Noch ist die blühende, goldene Zeit!
Noch sind die Tage der Rosen!

Tage der Rosen! Regierte sich je
so leicht und bequem wie heute?
Wir haben das Prae und das Portepee
und beherrschen geduckte Leute.
Wir denken an Frieden voll Ängstlichkeit
mit leider gefüllten Hosen –

Noch ...
Noch ist die goldene, die blühende Zeit!
Noch sind die Tage der Rosen!

(Kaspar Hauser
Die Weltbühne, 31.07.1919, Nr. 32, S. 145,)

Alles bereits gesagt

Ja, auch aus diesem Grunde habe ich oben keinen aktuellen Link eingefügt; warum auch? Die Entwicklung, diese beinahe fröhliche, weihnachtliche Einstimmung auf Schlimmeres, auf den doch notwendigen Zusammenhalt unter Kameraden, unter Blutsbrüdern beinahe; das ist nicht so wirklich neu, dennoch erschreckend in der nach wie vor gegebenen Virulenz, der (angenommenen) Empfänglichkeit für derartiges Fronttheater eben.

Hier nun doch 'n Link und das bigotte, vordergründig entrüstete Gebahren der Zustimmer, der Abnicker von SPD und Grünen erzeugt einmal mehr den entsprechenden Würgreiz.

http://www.jungewelt.de/2010/12-14/053.php