16 Sep 2011

Weissgarnix, eher weniger, gar das Falsche

Submitted by ebertus

Anfang September 2011 ging WEISSGARNIX offline, ein auch von mir in 2009/10 gern angesteuertes Wirtschaftsblog von Thomas Strobl und seinem Co-Autor Frank Lübberding; gelesen mit abnehmender Tendenz - zugegeben. Spätestens nach dem mißglückten, dann schnell wieder zurück genommenen Relaunch des "schneller, höher, bunter, für jeden etwas" in 2011 war der Zenit wohl überschritten. Dennoch schade und daher hier ein Nachruf, erkennbar nicht unkritisch wohl.

Der mißglückte Relaunch war möglicherweise lediglich der formale Aufhänger, nun den Stecker zu ziehen. Die existierenden Leser und Kommentatoren fanden den Shift in der Regel eher nicht so gut und neue Teilnehmer waren vermutlich kaum zu gewinnen, dafür war der Ansatz wohl zu kommerziell. Aus meiner Sicht kam ein gefühlter Fakt ergänzend hinzu, die schon mal elitäre Attitüde des primären Blogbetreibers (also Strobl), keinesfalls die von Lübberding, dem diese Spreizungen wohl eher abgehen. Schade im Grunde,aber Primadonnen, so fähig sie (selektiv) immer mal sein mögen, derartige Wesenszüge sind nicht wirklich sympathisch.

Strobl erweckte, wenn auch vielfach ironisch verbrämt, schon mal sarkastisch überzogen den Eindruck des großen, des wissenden Zampano im Angesicht der aktuellen Entwicklungen. Sein Buchprojekt, seine Aktivitäten beim FAZ-Net in allen Ehren, eine gewisse, wenn auch pragmatische und dennoch eher neoliberale Weltsicht des alternativlosen Sachzwanges, diese Schwingungen waren nie wirklich weit weg bei seinen Einlassungen.

Was mir zudem noch negativ, im medialen Horizont als penetranter Rückstand das Lesen nach und nach verleidete war die Zelebrierung einer intellektuellen Weltsicht von Max Weber bis Niklas Luhmann in beinahe jedem, auch nur halbwegs passenden Kontext. Nicht falsch, was diese unbestreibar großen Denker - und oft schon visionär - zu sagen hatten. Aber der Blick, der Versuch einer Erklärung sollte voran gehen, Perspektiven und Nachdenken über die Zukunft  jenseits der  sachbezwangten Leitplanken zeigen. Da mangelte es nach meinem Dafürhalten, insbesondere eben dem primären Blogbetreiber.

Ok, darf es etwas konkreter sein, zumindest als Anriss, als grobe Orientierung? Gern, die Aufarbeitung einer Gesellschaftspolitik der Postmoderne, eben der möglichen Entwicklungen und Perspektiven hatte bei WEISSGARNIX keinen Raum. Ein Jean Baudrillard mit seiner konsumptiven Theorie der Zeichen, einer Simulation dritter Ordnung namens (heutiger) Realität, in der wir uns aktuell bewegen, welche den Surrealismus der ablaufenden Entwicklung bereits vor Jahrzehnten in einem theoretischen, nicht mal wirklich abstrakten Denkgebäude vorweg genommen hat; das war NIX.

Ein Ulrich Beck, oder im Rekurs ein Jean Paul Sartre, deren Theorien des Individualismus, der Vereinzelung als heute erkennbares, neoliberales Credo jegliche Kollektivitäten plattwalzen, das war NIX. Eher wird man da schon in den als Bestandsaufnahme angelegten sieben Kreisen von "Der kommende Aufstand" auf den Punkt der formal "freien" Individuums kommen, für Strobl möglicherweise jenseits des Denkhorizonts; eben NIX.

Oder aus globaler Sicht ein Immanuel Wallerstein, der bereits vor Jahrzehnten China als letztendlich verbleibenden Hort des Kapitalismus erkannte, dessen Denkfigur eines Weltsystems aktuell Gestalt annimmt, wird dies jenseits der ausklingenden Arbeitsgesellschaft uns alle betreffen. Der neu entstehende Kolonialismus, neben herkömmlicher Kanonenbootpolitik nun via IWF, EZB etc. und schon mal gewaltsam durchgesetzt, die militärische Verteidigung "unserer" weltweiter Wirtschaftsinteressen ist ablaufende Realität. Bei WEISSGARNIX bestenfalls in einem Kommentar angesprochen, nicht wirklich vetieft; eher NIX.

Und wenn Schulden von (gerade von Privatpersonen), wenn Kredite, die damit einhergehende Willfährigkeit und Instrumentalisierbarkeit der Schuldner eben sein müssen, so mag man mit diesen schrägen Thesen ein Buch füllen können, mehr aber eher nicht. Dennoch, schon wegen der notwendigen Differenzierung gegenüber dem medialen Mainstream:

Schade um WEISSGARNIX

Nachfolger

Es gibt einen Nachfolge-Blog für das Diaspora-Kommentariat

> http://www.wiesaussieht.de/

Re: Nachfolger

Danke für den Hinweis,

Frank Lübberding, ok, der hatte einerseits auch mehr Bodenhaftung, segelte andererseits und möglicherweise immer etwas im Schatten des Zeremoniemeisters. Werd' nun also dort ab und zu mal reinschauen.

Btw. "Diaspora", das muss ich mir doch wirklich man anschauen ...