24 Mai 2011

Linker Antisemitismus, oder auch "Haltet den Dieb"

Submitted by ebertus

Im Grunde ist das nicht so mein Thema. Weniger wegen der Gnade der späten Geburt, eher im Hinblick auf den,  mir gerade in religiöser Hinsicht nicht "so" innewohnenden Fundamentalismus. Wer dies Ignoranz nennen wollte, bitte. Und akzeptierend, fruchtbar, zielführend, nach vorn schauend sind Diskussionen in dieser Hinsicht selten; das oft fanatische Beharren der Kontrahenden eher die Regel.

Nun gibt es via dem Freitag eine Studie, nicht neu in der Fragestellung, noch weniger in den Ergebnissen. Die Friedrich-Ebert Stiftung hatte dies unlängst (2010) in einem ähnlichem Tenor festgestellt und auch die aktuelle Heitmeyer-Studie führt in diese Richtung, wobei letztere die Ursachen nach meinem Dafürhalten substantieller aufzeigt als eine schon mal plakative, grell daher kommende Sicht auf rechte Tendenzen. Es ist ein ursächlich gesellschaftspolitisches Thema, die Frage von Verarmung und absehbarer Existenznot für viele, "irgendwann" beinahe alle Menschen. Die bereits extremen, weiter zunehmenden Unterschiede zwischen den vielen Armen und den wenigen, den fast alles Besitzenden; sowohl auf lokaler, als auch zunehmend auf globaler Ebene und bei absehbar endlichen Ressourcen des Planeten, dies ist die zu konstatierende Basis der Entwicklung.

Rattenfänger, Instrumentalisierer, Blender, (auch staatliche) Gewalttäter haben Hochkonjunktur. Nicht das absehbare Ende des "schneller, höher, weiter", das via Bankenkrise erkennbar nahende Ende des entfesselten, des menschenverachtenden Turbokapitalismus darf schuld sein. Es sind grundsätzlich Einzelne, Gruppen, Ethnien, Rassen, Religionen - und immer "die Anderen", jeweils der oder das Böse. Die Herrschenden, die Mächtigen, die Eliten wollen sich darüber aus der Verantwortung lösen und die politischen, die medialen Marionetten dürfen die sog. Drecksarbeit machen, Menschen lokal und global gegeneinander aufhetzen. In Deutschland, und hier möge es wieder zum Thema gehen, ist dieses Verhalten Staatsraison, gibt es mittlerweile eine DDR-gemäße, sehr große und zumindest informelle Koalition der Retter (des Systems). Bestenfalls zwischen fünf und zehn Prozent der Menschen könnte man im weitesten Sinne als Anhänger der Linken, speziell der Partei "Die Linke" zurechnen. Diese (Partei) zu diskreditieren, zu diffamieren, für alles Böse verantwortlich zu machen ist ebenfalls beinahe Staatsraison, Aufgabe eben der genannten Medien. Und währenddessen wird in einer übergroßen Koalition durchregiert, liegt Wohl oder Wehe des vielbeschworenen christlichen Abendlandes beinahe ausschließlich in den Händen derer, die als ökonomische, als kulturelle, als wissenschaftliche und schlußendlich als politische Eliten gelten.

Anders herum gefragt, wer war in Deutschlands dunkler Zeit und gerade zwischen 1933 und 1945 für die Planung und Durchführung des wohl (beinahe?) schlimmsten, staatlich organisierten Massenmordes an einer religiösen, ethnischen Gruppe verantwortlich? War das der Gefreite aus Östereich? Waren das arabische oder asiatische Horden? War dies der Pazifismus der zwanziger Jahre, der Auschwitz möglich machte - wie dies ein ehemaliger CDU-Generalsekretär in den 80ern formulierte?

Oder waren es eben diese Eliten, hohe und höchste Kreise der deutschen Gesellschaft?

Diese "Eliten", soweit sie das Ende und dann auch Nürnberg überlebten - was für die Mehrzahl wohl galt - waren in Deutschland-West bald wieder oben auf, in Amt und Würden, in der Regel mit allem früheren Besitz. Und als sie dann, um 1968 von den Kindern und Enkeln gefragt wurden, was wohl ihre Rolle "damals" war, so ernteten die Nachfrager Unverständnis, gar Entrüstung. Von nichts gewußt, nichts gesehen, nichts getan und außerdem ist der junge Staat Israel doch der beste Freund der alten, neuen Deutschen; gerade eben derer mit der Gnade der späten Geburt. Wir waren es nicht, vielleicht die Linken, die Pazifisten, die Schwulen, die behinderten, die Geisteskranken, die Sowjetkommunisten, nun die Islamisten schlußendlich; aber nicht "Wir"! 

Damit zurück zu dieser Freitags-Studie dem dreiseitigen pdf. und da speziell die zweite Seite. Die Tendenz ist sicher richtig, soll hier auch nicht relativiert werden und für ein spezielles Linke-Bashing geben so manche Zahlen, gerade auch die für CDU/CSU/FDP/SPD im Grunde wenig her, eher dann für Ossi-Bashing; wer das mag oder braucht. Interessanter könnte im Zusammenhang mit diesem latenten Vorwurf des linken Antisemitismus eine quantitative Auswertung sein, weil es doch wohl unbestritten wesenlich mehr Anhänger der staatstragenden Parteien gibt, als Anhänger der Linken. Ergo, der in dieser Studie erkennbare, latente Antisemitismus (soweit herauszulesen) weiter Teile der Bevölkerung ist - wenn es denn so ist - in der überwiegenden Mehrzahl bei den CDU/CSU/FDP/SPD-Anhängern zu finden.

Ok, vielleicht mache ich auch einen Denkfehler, kenne die weiteren Hintergründe der Fragestellungen, der Auswertungen nicht, habe ebenfalls keine Ahnung, welche Bonus- oder Maluspunkte es vielleicht für die Parteipräferenz gibt. Und es nennt sich ja auch "zu Aussagen von Rechtspopulisten", ist daher der allfälligen, parteipolitischen Definition anheim gestellt. Aber selbst wenn alle Linken(wähler) also Antisemiten wären...ja, genau! Wo bleiben da die anderen 90 bis 95 Prozent?

Und wenn es denn repräsentativ ist, dann sich bitte der Konsequenz auch in quantitativer Hinsicht stellen.

 

Nachtrag I (24.05.2011 / 20:30):

Es kann sein, diesen Link bereits vor Monaten beim Freitag in einer Diskussion eingestellt zu haben. Der Vollständigkeit halber also ggf. noch einmal hier und weil es hier einfach dazu gehört, die primäre Fragestellung des Blog zumindest tangiert.

Der Film habe ich damals, 2009 und gleich nach dem Erscheinen gesehen. Im Original mit Untertiteln und vielleicht muss man dem Englischen halbwegs mächtig sein, damit dieses subtile Grauen noch verständlicher wird. Psychiater Robert Jay Lifton erzählt sehr unaufgeregt von seinen Gesprächen mit diesen KZ-Ärzten. Und diese Ärzte, Bildungsbürger, Eliten, Leistungsträger waren ebenso unaufgeregt, wie Lifton es in seinen Eindrücken schildert. Keiner Schuld bewußt und gar - man ist im Kinosessel wie festgenagelt - schon mal neue Verbündete suchend, jetzt mit den Israelis gegen die Araber; gerne...

Es war eine Dokumentation, beinahe ein Monolog, kurze Fragen und lange Antworten. Die Aufnahmen entstanden in Liftons Ferienhaus auf Cape Cod und mir als ein herrliches Stück Nordamerika von einem Besuch erst im Frühjahr 2009 bekannt. Die Kamera schwenkte nach manchen Gesprächspassagen immer mal wieder über die Landschaft, auf das Meer hinaus. Man brauchte diese kurzen Momente des Einhaltens, der Besinnung, um das gerade vernommene wenigstens ein Stück weit abstrahieren zu können; sich zu erholen, zu fassen.

Mein Eindruck, die "dark side" eines (beinahe?) jeden von uns und in jeglicher Breite und Tiefe. Und dass es offensichtlich Menschen gibt, die sich davon frei wähnen, dies allein ist bereits unfassbar.

 

Nachtrag II (27.05.2011 / 08:20):

Man könnte natürlich, reflexartig, den Autor in "irgendeine" dunkle Ecke stellen, hier aber mal kurz einige seiner Feststellungen zu eben meinen Überlegungen. Dazu Moishe Postone in:

"Antisemitismus und Nationalsozialismus"


Einerseits Liberale und Konservative:[...]Die Betonung des Antisemitismus diente dazu, den angeblich totalen Bruch zwischen dem Dritten Reich und der BRD zu unterstreichen. Eine Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen und strukturellen Wirklichkeit des Nationalsozialismus, die 1945 nicht plötzlich verschwunden war, wurde so vermieden.

Andererseits die Linke:[...]sich auf die Funktion des Nationalsozialismus für den Kapitalismus zu konzentrieren.[...]doch hat sie die Vernichtung der Juden natürlich nicht unterschlagen. Allerdings ist die Vernichtung schnell unter die allgemeinen Kategorien von Vorurteil, Diskriminierung und Verfolgung subsumiert worden.

Die Erklärer:[...]Jedoch gerieten sie in Verlegenheit, als sie die Vernichtung des europäischen Judentums zu erklären versuchten. Sie erörterten die Frage hauptsächlich unter der Annahme eines Mangels an Zivilcourage in der Bevölkerung (was implizierte, daß die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung dem Antisemitismus der Nazis zumindest passiv widerstanden habe[...]Folgerichtig blieb die Frage, warum so etwas geschehen konnte, notwendig rhetorisch und bloßer Ausdruck von Scham und Entsetzen.

Das Wissen um die Naziverbrechen muß nicht notwendigerweise Schuld einschließen. Welche Bedeutung hat also die Leugnung dieses Wissens nach dem Krieg, als die Meisten doch sicherlich alles wußten?[...]„Wir wußten nicht“ müßte als „Wir wollen noch immer nicht wissen“ interpretiert werden. Das Wissen zuzugestehen – selbst als post factum erworbenes – hätte notwendig eine innere Distanzierung von vergangener Identifikation erfordert[...]Vielleicht wäre es für viele Nazibeamte, Staatsanwälte und Richter nicht möglich gewesen, weiterhin die gleichen Funktionen in der Bundesrepublik auszuüben.[...]Ein antinazistischer Umschwung der Massen stand jedoch nicht auf der Tagesordnung. Das Ziel war ’Normalität‘ um jeden Preis – eine Normalität, die ohne Auseinandersetzung mit der Vergangenheit erreicht werden sollte.
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Frage: Sind daher diese, unsere Eliten möglicherweise nicht mal wirklich soweit weg von diesem KZ-Arzt? Sind sie nur schlauer, strategischer, subtiler, die Kräfteverhältnisse "bislang" richtig einschätzend? Es muß zwangsweise der Spekulation, auch der (gegenseitigen) Diffamierung vorbehalten bleiben, wo, wie und bei wem die "dunkle Seite" (wieder) hervorbrechen könnte. "Beweise" kann es, wird es erst im "Danach" geben, der Definition des dann möglichen Siegers vorbehalten bleiben. Mehr als neutral - nicht neutralistisch - aufzuklären und Konsens jenseits der Bigotterie zu suchen und zu finden ist kaum möglich.

 

Nachtrag III (27.05.2011 / 11:50):

Nicht nur der Vollständigkeit halber sei hingewiesen auf einen Beitrag von Avraham Burg, erst vor wenigen Wochen auf dem Freitag veröffentlicht.

Der dort u.a. von mir eingestellte Kommentar und incl. dem gewählten Zitat reflektiert ein Stück weit ebenfalls den Tenor auch dieses Blogs hier, weil jenseits einer akzeptierenden Menschlichkeit, als "Junkies des Hasses" wie Burg schreibt, es bei einem Beharren auf ewig währender Besonderheit und grenzenlos gewährter Absolution, bei fortgesetzter Frontstellung nur Verlierer geben kann.

Und Burg thematisiert - ein vielleicht gern und leicht zu überlesendes Detail - den Popanz dieses quantitativen und qualitativen "Anstieges antisemitischer Vorfälle", ebenfalls im Tenor dieses Beitrages hier, der im einfachsten Falle ein instrumentalisiertes Aufhetzen als wesentlichen Beweggrund des aktuellen Linke-Bashings erkennt. Ein Aufhetzen "des Volkes Stimme", nunmehr jedoch und ebenfalls in der Gewissheit einer implizit erteilten Absolution auf "der richtigen Seite", dank des per Definition vorgenommenen totalen Bruches nach 1945, frei interpretiert, gemäß dem weiter oben verlinkten Moishe Postone.

zum JJ-blog

zu Baphomed schrieb am 27.05.2011 um 22:05
sag ich mal: muß ich zu allem eine meinigung haben? oder ebertus eine seinigung? oder Magda eine ihrigung?
und was heißt da umstritten?
Avraham Burg bezieht sich auf allerhand gedanken wie denker_innen, die jedem guten juden of all three+x sexes bekannt sind, manchen auch sehr vertraut.
und, wenn ich den bogen noch etwas weiter spannen will, dann kann ich sagen: Hannah Arendt war anti-zionistin (ergibt sich aus ihrem gesamtwerk). Albert Einstein war (an einem bestimmten punkt) anti-zionist. die leute von brith shalom... und nicht zu vergessen Jeshayahu Leibowitz ... auch Moshe Postone würde sich selbst eher anti- denn zionist nennen
ob die genannten (wie auch ungenannte) das immer wissenschaftlich begründen würden? nicht unbedingt. manche würden ihre begründung eine politische nennen, andere eine ethische, manch andere vielleicht eine religiöse (wie z.B. Martin Buber). alle würden ihre begründung an einer/mehreren segregierenden/separierenden, exkludierenden, diskriminierenden politik/en des staates Israel (vorstaatlich: des neuen yishuv) festmachen. dabei ginge es nicht um existenzrecht - sondern um eine andere, bessere, menschenrechtsfreundlichere politik, kurzum: um punktuelle bis umfassende ent-zionisierung und um verwirklichung dessen, was in der unabhängigkeitserklärung versprochen wurde.
so einfach ist das eigentlich.

Weiter zu Baphomed

Baphomed schrieb am 27.05.2011 um 21:45
Baphomed schrieb am 27.05.2011 um 22:05

Hallo @Baphomed,

ob "Du" oder "Sie", da wäre ich leidenschaftslos bis zur eindeutigen Weisung. Weniger jedoch wegen dem, Deinem "Wissenschaftlich", von mir erst mal als Ironisierung verstanden. Im Gegensatz zu den mir aus technischer Berufshistorie eher nahestehenden naturwissenschaftlichen Gegebenheiten sind Kultur- und Geisteswissenschaften eher proklamativ, wenn auch in ihren Werkzeugen, Verfahren und Artikulierungen natürlich wissenschaftlichen Standards weitgehend folgend. Im Klartext: Geschichtswissenschaft ist im einfachsten Fall die Meinung des überbringers der Botschaft und ansonsten, in jedem Falle die große Erzählung der Sieger, deren Intention.

Lese die Tage gerade etwas von Antonio Negri, seine Reflektion zum Scheitern der Sowjetunion incl. derer Vasallen. Was wäre wenn, und mal die "positiven Aspekte" des Sieges der roten Armee über Hitlerdeutschland betrachtet; die relativierenden Anführungszeichen hier gern dem Betrachter überlassen, sowie unter Berücksichtigung der auch von Negri erkannten und thematisierten, immer wieder gern unterstellten, antisemitischen Tendenzen innerhalb des damaligen Ostblock. Ja, wenn es anders gelaufen wäre, ständen unsere Kinder jetzt vielleicht am Ural, würden diese, unsere Leitkultur (auch) der Rassenlehre gegen die anrennenden, asiatischen Horden verteidigen (müssen), oder? Die von uns dann zu lesende Historie wäre ebenfalls "etwas anders" und ob es den Staat Israel überhaupt "so" gäbe, das darf stark bezweifelt werden.

Dein anderer Punkt vielleicht, sollte man natürlich "Demagogie nicht mit Demagogie bekämpfen", Terror nicht mit Terror beantworten, sonst macht man sich nicht nur gemein, ist sehr schnell an der Spitze dieser Kolonne, wie wir aktuell im Globalen wie im Lokalen sehr deutlich sehen. Natürlich ist Avraham Burg ein (zumindest aus zionistischer Sicht) umstrittener Denker, ein sog. Nestbeschmutzer gar, wie von mir in meinem Kommentar zu diesem verlinkten Freitags-Beitrag geschrieben. Aber andererseits ist die von ihm beschriebene "Neigung, zu den kranken, pathologischen Formen" je ebenfalls keine exakte naturwissenschaftliche Erkenntnis, ist bestenfalls Aufforderung zur Reflektion; mehr geht nicht.

Und daher, jetzt sehr pragmatisch kann man die von Burg erkannten "Junkies des Hasses" kaum durch erwiderten Hass noch durch willfährige Anpassung befrieden, die Absolution jeglichen Tuns zur Staatsraison erklären. Das erinnert mich im diskursiven Sinne immer so an die Diskussion der 70er, derer im Zuge dieses Buches "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" und die gern provokativ, schon mal suggestiv gestellte Frage:

"Was würdest Du tun, wenn Dein Kind ein Junkie, heroinsüchtig wäre?".

Meine bescheidene, sicher unvollständige Antwort:

"Keinesfalls ebenfalls zu Heroin greifen, dahingehend Solidarität üben"

Ansonsten, und hier vielleicht noch ein Hinweis: Die von @j-ap im gesperrten Block eingestellten Links zu zwei Freitags-Beiträgen von Elmar Altvater, der möglicherweise damit einhergehende Hinweis des Einstellers auf das Erkennen von antisemitischen Tendenzen und Strukturen (sowohl bei Altvater als auch in dessen Kapitalismuskritik), diese Texte habe ich mittlerweile in meinem Blog und aus meiner Perspektive aufgearbeitet. Das hier einzustellen scheint mir im Moment nicht so zielführend, obwohl die Thematik, die diffamierende Unterstellung bei jeglichem, kritischem Nachdenken über die aktuelle Entwicklung an Brisanz, an erwartbarem Elend und Leid, an Instrumentalisierung Vieler in sehr partikularem Interesse eher noch zunehmen wird.

aua aua

der diskurs über den diskurs zum diskurs... wie immer zum abgewöhnen.

antizionismus ist mindestens so alt wie zionismus, mann könnt ihn ebenso im tanach und der rabbinischen literatur verorten wie die zionssehnsucht, die in gestalt der ost-europäischen chibat-zion zu einer ideellen wie menschlichen triebfeder des politischen zionismus (Herzl) wurde.
darüber gerät dann aber aus dem blick, dass es sowohl im neuen yishuv wie auch im Israel nach 1948 bereits anti-zionisten gab. auch seit/bei dem 1.zionisten-kongreß (Asher Ginzberg=Ahad Ha'Am, um nur einen zu nennen... obwohl: Israel Zangwill, der angebliche erfinder von 'ein land ohne volk...' war auch einer...).
für die linke (welche eigentlich?) interessant ist der linke innerisraelische antizionismus, sei es in gestalt der israelischen KP, sei es in gestalt der 'Black-Panther' (Haifa), sei es in gestalt von mazpen ... oder heute eben gruppen wie b'tselem oder jesh-gvul ... allesamt israelische linke, die immer auch die zusammenarbeit mit palästinensischen linken gesucht und praktiziert haben (manchmal trotz der gefahr, dafür heftig politisch verfolgt zu werden, in Israel!)

von alledem ist aber mal wieder nicht die rede. sondern immer noch davon, wie mensch am besten oder schlechtesten den eigenen wie auch den antisemitismus von opa und oma loswerden könnte.
dass josef mal wieder das 'raffende kapital' anschleppt und es als affirmiertes dem Altvater unterschieben will - no na! als finanzkapitalist muß er dem kritiker (auch) antisemitismus unterstellen; wundert mich also nicht. wie mich auch nicht wundert, dass er jetzt mal eben Israel als staat wie bürgerlicher staat eben ist darlegt (vor einiger zeit las sich das noch anders). irgendwie muß er spezifisch kolonialisierende politiken zur allgemeinen politik bürgerlichen staates schlechthin erklären....kann aber nicht aufhören, diese selbst zu praktizieren.
und dass ignaz politischen antisemitismus mit 'judenfeindschaft' übersetzt... damit sind wir wieder bei antisemitismus als anthropologischer grundkonstante der go'im. da empfehle ich doch glatt die konversion. damit steht mann dann definitiv auf der anderen seite der feindschaft und in opfergemeinschaft.
damit wäre dann irgendwann Europa 'judenrein' - sag ich dazu, wenn ich böse werde. weil ich auch bei einem ignaz nicht sehe, dass er aufgehört hätte, den juden als etwas grundsätzlich anderes zu betrachten.

was den boykott anlangt (über den in Bremen weiß ich kaum was): auch hier haben wir es mit einer idee zu tun, die auch von israelischen linken vertreten wird. weil die nämlich einen viel besseren einblick in die verflechtungen israelischer mit palästinensischer wirtschaft haben und auch viel deutlicher mit-erleben, wer von diesen verflechtungen profitiert, sie zuweilen als waffe einsetzt.

bestenfalls, um mal zu einem schluß zu kommen, kann deutscher linker antizionismus danach fragen, wie und wobei er israelischen wie palästinensischen linken antizionismus unterstützen kann. mehr nicht!
aber das ist eine perspektive, die den deutschen israelfreunden überhaupt nicht gefällt. denn das würde bedeuten, dass die subalternen sprechen.

ergänzung zu aua aua

dies hier
"Ja, wir kritisieren das, wir bedingen euch, aber guck mal, alles was links ist, will nur das Richtige. In diesem Fall, dass ihr nochmal umzieht."(Tycho) ist ... ich weiß nicht was, aber bestimmt nicht linker antizionismus. jedenfalls nicht einer aus der region.
zu dessen grundlegenden einsichten gehört nämlich, dass bevölkerungstransfer nicht weiterhilft. eine rückführung der die shoa überlebenden europäischen juden nach Europa wäre also unter linker antizionistischer politik nicht zu befürchten. da droht eher, wenn und solange der konflikt von außen angeheizt wird, dass das zunimmt, was jetzt schon stattfindet, nämlich die freiwillige rückwanderung (bei mizrachim: weiterwanderung nach Europa oder in die 'neue welt'). was das alte Europa eigentlich nicht so gern hätte!

und noch eine anmerkung: so wichtig sind die deutschen und was die rechten, die mittigen und die wie auch immer irgendwie linken denken auch nicht. weshalb aus sicht der am konflikt unmittelbar beteiligten wünschenswert wäre, die deutschen könnten endlich aufhören, die welt im allgemeinen und den nahen+mittleren osten im besonderen retten zu wollen.

linker antisemitismus

zu 2.
das ist Moishe Postone, allerdings unverstanden

dazu gehört gelesen:
http://www.copyriot.com/sinistra/reading/postone1.html
bzw.
http://aawe.blogsport.de/images/postonedeutschland_lp.pdf

aber eben nicht nur dieser eine teil, sondern am besten das ganze buch

und das am besten im vergleich mit der 'antisemitismus-definition' von Horkheimer/Adorno
und in auseinandersetzung mit dem, was Dan Diner zum konflikt Israel (in) Palästina schreibt
(wozu die alten schriften von matzpen http://www.matzpen.org/index.asp mitgelesen gehören, um zu verstehen, von welchem hintergrund aus Diner wie Postone argumentieren)

dann kommt man dahinter, was dieses merkwürdige konstrukt 'antizionistischer antisemitismus' alles unterschlägt

Bitte nicht überfordern

So, die Texte der ersten beiden Links habe ich mir ausgedruckt, werd' später da mal reinschauen. Auf der Matzpen-Seite gerade den Knopf zum Umschalten auf "Englisch" entdeckt. Ok, auch da gibt es sicher Einiges zum lesen.

Generell scheint mir, gerade hierzulande vielleicht medial verstärkt, dass es in Israel ausschließlich eine homogene Gesellschaft und Meinung gibt, geben soll? Mag das irgendwie nicht ganz glauben, auch wenn der echte, ggf. mehr noch der gefühlte Existenzdruck natürlich Einiges erklären wollte.

gemach gemach

mir ist auch klar, dass diese texte nicht mal eben gelesen und kritisch durchdrungen sind. aber als hintergrundinfo sind sie nun mal unverzichtbar. und deshalb in aller ruhe durchzuarbeiten und zu bedenken.
dies unterlassen zu haben ist übrigens etwas, was ich den Postoniaern übelnehme. weil sie letztlich antisemitismus als eine art anthropologische konstante behandeln, der mensch nur entgehen kann, wenn er-sie-es entweder mitglied von gush-emunim oder aber 'israel-freund ohne wenn und aber' wird.
wie weit das geht, kannst du ja an j-aps kommentaren sehen ... kapitalismuskritik ist zu unterlassen, weil sie garnicht anders als antisemitisch sein kann. und sagst du 'Amerika', dann meinst du 'Jude' - meint j-ap, nachlesbar hier http://community.zeit.de/user/jap/beitrag/2009/12/30/antiamerikanismus-a...

Kurzer, erster Eindruck

Von einer Kommentatorin auf dem Freitag wurde der folgende Link eingestellt:

http://www.fr-online.de/blob/view/-/8467798/data/556767/-/Studie+Antisem...

ebertus schrieb am 24.05.2011 um 18:22
Danke @ttg, gelesen!

Bin weder in der Lage noch willens zu einer großen Analyse, gar Gegenrede anzusetzen, dennoch drei Punkte vielleicht.

1. Die Studie fängt recht formal, verstehend, sachlich, akademisch distanziert und historisch einen Rahmen bildend an, geht aber zunehmend über auf plakative Setzungen, suggestive Wahrheiten und Begrifflichkeiten. dies stößt (mich) etwas ab, da ist alles! entschieden, gibt es jeweils nur Gutes und Böses, Richtiges und Falsches, Freunde und Feinde - per se.

2. Gerade der von mir hier im Blog vertretene Tenor, die Frage nach der Verantwortlichkeit für den Massenmord wird auf Seite sechs lediglich als Begriff erwähnt, nicht vertieft. Und dann eine Seite weiter dieses:

"Einer der Hauptgründe für diese Haltung war die hegemoniale Faschismusanalyse in der DDR[...]Faschismus sei die offene terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.[...]Der Nationalsozialismus erschien in dieser Analyse als die Verschwörung einer kleinen Gruppe von Finanzkapitalisten. Dadurch werden die Massenunterstützung für das System und die aktive Teilnahme großer Teile der deutschen Bevölkerung an den Verbrechen ausgeblendet"

Und was sagen die Autoren der Studie? Wer sind die Verantwortlichen, wie konnte dies geschehen. Oder habe ich da etwas überlesen, nicht verstanden?

3. Und dann kommt auf Seite 12 das mit der geforderten Absolution:

"...die Solidarität mit Israel als unaufgebbarer Teil der deutschen Staatsraison"

Ok, Staatsraison ist nicht Verfassung, sondern politische Setzung. Aber es ist in diesem Falle (in meinen Augen) gleichzeitig die bedingungslose Aufgabe der Souveränität unter Jegliches, was auch kommen mag.

linker antisemitimus

Rahab kommentiert mal hier weiter, was sich bei der fc angesammelt hat:

dies Ramelow-zitat, das ist eines von der sorte, bei der ich immer rot sehe. ohne den konflikt Israel/Palästina tät sich nämlich keine eine sau für die menschenrechte in Gaza im allgemeinen und die der LGBTI im besonderen interessieren. und die, welche es doch interessierte, müßten sich mal wieder was über gutmenschentum anhören. so aber ist das eine feines (schein-)argument dafür, warum der feind wirklich böse ist. nicht zu reden davon, dass es für eine lesbe ganz bestimmt kein zuckerschlecken ist, in Afula zu leben; oder gar in Kirjat Arba! und wenn ich ganz böse werde, dann denke ich, dass der anschlag in Tel-Aviv nur deshalb so interessant war, weil der täter ja ein 'araber' hätte sein können. ohne dies hätte er denselben stellenwert gehabt wie der rentner in Wanne-Eikel, der mit dem luftgewehr in den benachbarten kindergarten ballert - macht man nicht (zumal klagen wegen verstoß gegen die lärmschutzverordnung viel effektiver sind).

schön, dass ttg auf die Salzborn/Voigt-studie verlinkt hat. obwohl: als studie hätte ich das nicht durchgehen lassen! allenfalls als blitzlicht darauf, wie dieLinke versucht, staatsräson zu entwickeln.

über sachichmas anmerkung muß ich erst noch ein bißchen grübeln....

linker antisemitimus

dazu sagt olle Rahab: jibt et nich!

es gibt antisemitismus, auch bei solchen, die sich linke nennen. ansonsten gibt es einfach nur antisemitismus und den so ziemlich überall - und zwar immer noch als ein werkzeug zur herstellung des erwünschten staatsbürgers. dieser prozess/diese absicht bedient sich all dessen, was zur unterscheidung in exkludierender absicht taugt, besser: tauglich scheint. wenn es sein muß, auch des 'guten juden', dem mal eben grade ein staatspräsident als seiner untergejubelt wird, obwohl der mann/die frau dachte, er/sie sei deutsche_r und der dazugehörige bundespräsident heiße .. Roman Herzog oder Christian Wulff.... oder auch irgendwas weiblich...

innerhalb der linken kommt dies werkzeug genauso zum einsatz wie anderswo auch. aber eben nicht als spezifisch linker antisemitismus. das ist nur dummes gerede, dazu ausgedacht, den eigenen antisemitismus zu verstecken.

Danke @Rahab,

und wie Du ja sicher immer schon mal feststellen konntest, widerstrebt es mir im Grunde, diese Thematik auch nur anzufassen. Da gibt es zu viele frei laufende Egos jedweder Couleur, die ich - und frei nach meiner alten SZ-Metapher - nicht mal "mit der Kohlenzange" anfassen wollte; soweit sie mir real begegnen sollten.

Irgendwie hat es mir jedoch nun mal gereicht, diese verrohenden Mittelschichtler, beinahe damit kokettierenden Bildungsbürger allemal. Und (auf dem Freitag) in multipler Inkarnation: oder kann man beispielsweise seinen Nick dort selbst ändern, das adlige "von"-Gedöns einfach verschwinden, die alten Beiträge auch unter dem neuen Nick finden lassen, parallel nich mit dem ganz alten Nick in der "Cloud" stehen und mit einem weiteren Nick in ähnlicher Art (formal und inhaltlich) singen?

Und diese Parallelwelten, "herrlich", mit Wasserträgern, Bereitstellern von schwurbeligem Füllmaterial und natürlich den informellen Führern, allzeit gnädig genug, sich immer mal den Staub von der Fußbekleidung lecken zu lassen. "Herrlich" wie gesagt und dass der Freitag dieses Spiel so mitspielt, ist vielleicht nicht mal erstaunlich. Will man doch den abendländischen Qualitätsjournalismus betreiben, muss sich eben von derartigen, trojanischen Pferden schon mal einen niveauhuvollen Beitrag schreiben lassen.

Wir hören, lesen uns - und Grüße sowieso,

ebertus

linker antisemitismus

spielst du auf den 'sündenbock' an? - mit autoren ist das immer so eine sache... aber manch einige sind doch konsistenter als manch andere... und z.zt. ist mein shibolet, wer sich bei tabu-huhu einschleimt und wer nicht. und wer wie 'blog-pflege' betreibt oder das lieber dritten schlapphütchen überläßt.

verrohende mittelschicht? war mittelschicht jemals anders? abgesehen davon, dass mittelschicht sich auch gern mal jovial gab und gibt?

wieso widerstrebt dir das thema? antisemitismus gehört zur europäischen geschichte dazu. die geschichte der bürgerlichen emanzipation (und ihres schweiterns) ist ohne nicht denkbar!
Und wenn du dir anguckst, was Wolfgang Benz (einer der ausgewiesensten antisemitismus-forscher) dazu mit blick auf heute (z.b. zu anti-muslimismus) zu sagen hat, dann wird klar, warum es da kein drumherumkommen geben kann.

Es widerstrebt mir,

weil keinerlei positive Weiterungen zu erwarten sind, bestenfalls ein gewisses Dazulernen. Weil parallel dazu aber immer die Vereinnahmung lauert, das Scheitern (nicht zuletzt vor sich selbst) essentieller Bestandteil des Diskurses ist; gar die eigene "dark side" um die Ecke schaut. Und so oszilliert man dann wohl zwischen den Extremen, kann schnell zum Spielball werden.

Dafür bin ich nicht der Typ, das ist es mir nicht wert, über die leidlich intellektuelle Fingerübung der möglichen, neuen Eindrücke hinaus. Rückzug ist da die erste Wahl oder vielleicht mit schwarzem (manche könnten sagen: Zynismus) Humor, wenn der Sebstmörder vom Dach zu springen droht.

Erst mal auftippen lassen ...