27 Mai 2011

Elmar Altvater im Freitag - Aristoteles als Antisemit

Submitted by ebertus

Elmar Altvaters Texte waren Anlaß genug, bereits den "alten Freitag" immer mal zu lesen. Zwei Beiträge aus dem Jahre 2008 mögen hier und in einem weiteren Teil noch einmal in Erinnerung gerufen werden, der Beweggrund ist dabei "etwas um die Ecke". In meinem Blogtext -auf dem Freitag umfangreich diskutiert und bis zur Kommentarsperre weitgehend sachlich verlaufen- stellte ein Kommentator die beiden Altvater-Texte via Link ein. Die Intention des Einstellers: bei Altvater - oder generell in der Kapitalismuskritik - antisemitische Tendenzen und Denkweisen erkennen zu wollen. Dies jedoch möge hiermit auf ein Level herunter gebrochen werden, welches mein Verständnis von Altvater reflektiert.

Elmar Altvater im Freitag vom 20.03.2008

Einführend sei gesagt, dass es im Folgenden weder um eine philosophische Deutung noch eine Marx-Kritik im akademischen Sinne gehen wird. Auch der unterstellte, antisemitische Ansatz ist kein wirkliches Thema, bestenfalls Aufhänger und die von Altvater erwähnte Kritik des Aristoteles am Zinssystem einerseits und ebenfalls in anderen (christlichen) Gesellschaften historisch bekannt, wird daher andererseits hier sehr realweltlich aus Sicht der aktuellen Entwicklungen angesprochen werden; gern auch ergänzt durch subjektive, persönliche Erfahrungen in einem durchaus zu verallgemeinernden Horizont. Interessant ist zudem die Zeitschiene, vom ersten Beitrag im März 2008, den Ereignissen im Rahmen des Lehman-Insolvenz im September 2008, dem zweiten Altvater-Beitrag aus dem Oktober 2008 bis bis eben zur Jetztzeit und einer Wiederholung der Geschichte als Tragödie und (dann) als Farce, wobei en passant auf eine interessante Paraphrase von Hegel über Marx bis Marcuse hingewiesen werden darf.

Frühjahr 2008, die Banken/Finanzkrise wird spürbarer, die Apologeten der herrschenden Lehre erkennen bei ihrem "Gegensteuern" dennoch schlimmstenfalls die altbekannte, zyklische Krise:

Dazu aber ist viel Kapitalaufwand notwendig, der letztlich dazu beiträgt, dass die Profite (gemessen am eingesetzten Kapital) tendenziell sinken - zumal auch die Massenkaufkraft im Vergleich zur steigenden Produktionskraft zurückbleibt. Dies hat letztlich zur Folge, dass auch die Akkumulation erschlafft, dass Produktion und Absatz und mithin Beschäftigung zurückgehen, dass also die zyklische Krise ausbricht. Die dann einsetzende Kapitalvernichtung, die wachsende Arbeitslosigkeit und der Druck auf die Löhne haben nach und nach zur Folge, dass die Profitrate wieder steigt und ein neuer zyklischer Aufschwung einsetzen kann.

Das Neue, und schon längst "under way" ist das Subprimen, nicht nur von Staaten, auch von Individuen und jenseits deren auch nur halbwegs realistischen Fähigkeit, die eingegangenen Verpflichtungen (Kredite, Hypotheken) auch nur annähernd bedienen zu können. Der Grund, und das erkennt Altvater sehr genau, ist "viel zu viel monetäre Liquidität der reichen Geldvermögensbesitzer auf den Konten in Frankfurt, London, Zürich und New York, die nach hochrentabler Anlage sucht", eben in Folge der weltweiten Umverteilung auf Wenige. Die Verarmung weiter Kreise der Bevölkerung - und eben auch in den entwickelten Industriestaaten - ist dabei ebenso eingeschlossen wie die von den Kapitalbesitzern positiv unterstellte "Rettung" durch die Staaten, sobald das Schneeballsystem der Hütchenspieler keinen Nachschub mehr bekommt, gegen die virtuelle Wand fährt:

Doch die oft angenommene Entkoppelung der monetären von der realen Ökonomie ist eine große Illusion, dem Fetischismus von Geld und Kredit geschuldet, dem blendenden Schein - als ob die hohen Renditen aus den Finanzbeziehungen selbst stammten, aus den Banktresoren geholt werden könnten und nicht in der realen Wirtschaft produziert werden müssten[...]bis diese Pyramide fiktiven Kapitals ihren fiktiven Charakter zeigt - wenn sie zusammenbricht.

Was sich zu dieser Zeit, im Frühsommer 2008 nun zusammen braut, entwickelt, davon erfährt der Durchschnittsbürger wenig, will es manchmal vielleicht nicht einmal wissen, wird medial instrumentalisiert und hat ansonsten mit der eigenen Existenz zu tun. Das persönliche déjà-vu dieses eben nicht normalen Zyklus, dennoch gerade noch mal gutgegangen und lediglich als Information kam ebenfalls in diesem Sommer 2008. Vorruhestandsbedingt war der Dienstwagen abzugeben, nun nach langer Zeit mal wieder ein privates Fahrzeug zu bestellen. Wie die freundlichen Berater von der Bank das immer so empfehlen, ist entsprechendes Sparguthaben (soweit für diesen Zweck vorhanden) in "absolut sicheren" Immobilienfonds geparkt. Ja, gerade noch mal gut gegangen, aufgelöst, das neue Fahrzeug bezahlt - und wenige Wochen später wurden diverse Immobilienfonds zur Auszahlung gesperrt; "meiner" wäre auch dabei gewesen...

Und nun geht es weiter in Altvaters Text kommt die (wohl einzige?) Passage, aus der der oben erwähnte Linkeinsteller den von ihm erkannten Antisemitismus schöpfen wollte. Der "raffende" Kapitalist, zieht sich selbst die Jacke an, ist per Definition immer ein Jude, oder? Die (zweistellige) Rendite im Blick, der Zins ist der Fetisch und die virtuelle Ökonomie spinnt Dreck zu Gold, bekommt Junge:

Richtig gefährlich wird der Fetisch der Finanzmärkte dann, wenn ihm ein Gesicht gegeben, wenn auf einmal zwischen "raffendem" und "schaffendem" Kapital unterschieden wird[...]Aristoteles, der schlicht und richtig meinte, dass Geld keine Jungen bekommen könne und Zinsen daher zu verdammen seien, haben die Finanzjongleure ohnehin nie zur Kenntnis genommen.

Zinsen sind Umverteilung von unten nach oben, und dieses bereits genannte Subprimen nun vielleicht der momentane, der grenzwertige Endpunkt der Entwicklung. Wachstum, und das sei zugestanden, wird (auch) über Zinsen generiert, soweit diese aus realem Produktivitätszuwachs stammen. Wenn jedoch zunehmend "Geld arbeitet", weniger der freie Lohnsklave - gern in jeglichem Status - bis hin zum Leistungsträger, dem Dienstleister, dann ist das reale Wachstum mehr als infrage gestellt.

Abschließend in diesem ersten Altvater-Text wird auch das (grüne) Thema der Ökologie angesprochen:

Anders als alle anderen Theorieansätze in der politischen Ökonomie vor und nach ihm berücksichtigt Marx von Anbeginn an die Naturgebundenheit allen Handelns, ja der menschlichen Existenz. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie ist daher auch eine Kritik der politischen Ökologie.

Dieser Aspekt seines Werks wurde lange Zeit ausgeblendet. Dass die Naturfrage bei Marx eine zentrale Bedeutung hat, ist erst seit den sechziger Jahren und nur dank einer kritischen Rekonstruktion der Marxschen Theorie wieder entdeckt worden. Und es dauerte nochmals eine Weile, bis stofflich-energetische Transformationen, also der Umgang der Menschen mit der Natur, erstmals mit der Marxschen Werttheorie in Zusammenhang gebracht wurden - also die Kritik der Ökonomie mit einer Kritik des Ressourcengebrauchs und der Umweltzerstörung verknüpft wurde.

Wenn man sich die aktuellen Erfolge der neuen, der staatstragend gewendeten Grünen anschaut, in "Der kommende Aufstand" und speziell den dortigen Text zum sechsten Kreis nachliest, so hat Altvater natürlich recht, wird jedoch der pragmatische, der eher blutleere Ansatz eben der Grünen (als neue CDU: Heribert Prantl in dr SZ) oder gern als Weiterung des sog. "dritten Weges" der Sozialdemokratie von Mitterand über Blair bis zu Schröder der wie auch immer zu interpretierenden, Marxschen Vision eher nicht gerecht, fällt der einzelne Mensch schlußendlich und erwartbar den bereits jetzt erkennbaren, den staatstragenden Sachzwängen zum Opfer.

Der nächste Teil, der zweite Text von Elmar Altvater bringt nun, und nach der Lehman-Pleite, den Beginn der Kernschmelze des Systems in das Licht einer nach wie vor etwas irritierten, medial gesofteten Öffentlichkeit.