7 Feb 2011

Kritik der politischen Ökonomie - Erste Anmerkungen

Submitted by ebertus

Was soll das? Eulen nach Athen tragen? Vorab einige, vielleicht notwendige Anmerkungen: "Wissende" werden sich mit Grausen wenden, Desinteressierte sowieso. Mancher wird es grundsätzlich nicht verstehen, Wenige mit mir zusammen gar noch etwas lernen. Ein Experiment ist die Erarbeitung eines Themas, eines Stoffes auf diese Art (für mich) in jedem Fall. In diesem Sinne sei also "für Jeden" etwas (nicht) dabei.

Früher, in den Zeiten ohne Internet, ohne das Web 2.0 war alles einfacher, gradliniger sowieso. Eine Rezension ist in der Regel eine nachträgliche Aufbereitung, die Kritik eines Wissenden an der Thematik, an einem (neuen) Buch etc. Diese Kritik also wurde erstellt, war dann "fertig" und damit statisch und bei Bedarf bzw. Interesse vermarktbar. Für sog. Klassiker, die bereits eine große Anzahl an Kritiken über sich ergehen lassen mussten, ergaben sich bestenfalls geringfügig neue Aspekte und Perspektiven.

Heute bietet das Netz neue, erweiterte Möglichkeiten. Der Blog im vielleicht klassischen Sinne ist nicht nur Selbstreflektion oder Tagebuch. Er bietet die begleitende Möglichkeit, zu lernen, zu erweitern, das gelesene zu reflektieren und vielleicht "irgendwann" zu verstehen, für sich selbst zumindest.  Mehr noch, er bietet anderen, interessierten Menschen die Gelegenheit, sich einzubringen, dem vom Blogautor postulierten Inhalten ggf. auch vollkommen neue Aspekte und Sichten beizufügen. Grundsätzlich und über dieses kleine Projekt hinaus bietet das Internet die Möglichkeit, sich selbst (und Andere) ein Stück aus den vorgegebenen Bahnen, der prinzipiell und zunehmend monetär orientierten Vergabe von selektiver Bildung zu befreien. Die Reproduktion von Schichten und Klassen via Gewährung oder auch Verweigerung von Bildung kann damit in Perspektive auf eine neue Ebene gehoben, konterkarriert werden. Die klassische, sozialdemokratische sog. "Arbeiterbildung" hat weitgehend ausgedient, zumal die tragenden Parteien dieser Emanzipation in den letzten zwei Dekaden sichtbar die Seiten gewechselt haben. Gerade die Entwicklung der sozialistischen, der sozialdemokratischen Parteien in der europäischen Kernländern wie Frankreich, England und Deutschland war und ist bei dieser Entwicklung nicht nur tolerierend, im Gegenteil: führend!  

Konkret soll daher im Folgenden, in mehreren Teilen und parallel zur eigenen Aufarbeitung ein kleines Büchlein besprochen werden, welches im Wortsinne kompakt genug ist für allfällige Mitführung, welches im übertragenen Sinne jedoch eine klassische Tiefe zum Thema hat, deren Weiterungen kaum zu überblicken sind, deren Rezeption sich in jedem Falle jedoch mehr als aktuell darstellt. Es handelt sich hierbei um die "Kritik der politischen Ökonomie" von Michael Heinrich. Wer die zehn Euro für den kleinen Band nicht ausgeben kann oder will, wer schon mal den schnellen Überblick sucht, der hat aktuell die Gelegenheit sich den Text als ".PDF" herunter zu laden. Einzig die Seitennummerierung fehlt, dafür ist die auf A4 ausgedruckte Schrift der 125 Seiten dann altersgemäß groß und entsprechend gut lesbar.

Aktuell, wie bereits gesagt, ist der Text von Karl Marx in jedem Falle; und damit gern auch wieder neu zu entdecken. Der neoliberale, sozialdarwinistische Rollback in die Feudalgesellschaft ist nicht so wirklich überraschend, so zwangsläufig, so alternativlos. Und die Klassiker der Soziologie bieten weit mehr als den ihnen gern schon mal zugewiesenen Platz auf dem Müllhaufen der Geschichte. Es ist wohl wahr, die Restauration bei der Betrachtung eines Menschen, beinahe ausschließlich unter funkionalen Gesichtspunkten, unter dem Primat der "Nützlichkeit" durchzieht mittlerweile die gesamte Gesellschaft; bis hin zu dem nach wie vor gegebenen Bedarf an akademischer Kompetenz. Der verschulte und beinahe ausschließlich praxisorientierte Bachelor ist dabei ein gewichtiges Indiz. Zudem werden Studiengänge in klassischen, geisteswissenschaftlichen Fachrichtungen "optimiert", sprich reduziert. Der Bildungskanon als Maßstab eines unabdingbaren Kerns der Kultur bietet immer weniger Platz für kollektive Perspektiven. Der Individualismus, die Vereinzelung des Menschen im Sinne von "teile und herrsche" ist das Credo neoliberaler Weltsicht aus der Perspektive der Eliten mit entsprechendem, ökonomischen Kapital einschließlich deren geisteswissenschaftlicher Zuarbeiter mit eher selektivem, kulturellem Kapital. Das soziale Kapital - und weiter nach Pierre Bourdieu - bleit dabei auf der Strecke, Kollektivismus und Solidarität werden zu "nice to have" Anhängseln degradiert, oft gar diffamiert.

Nachdenken über die Zukunft sollte ergebnisoffen, ohne Diskriminierung, ohne latente Unterstellungen möglich sein. Historische und mehr noch, aktuelle Verbrechen im Namen einer Ideologie, eines Systems werden gern sehr einseitig beurteilt, im Sinne von "hier die Guten, dort die Bösen". Zusätzlich wird ggf. noch die individuelle, die menschliche Komponente als "Entschuldigung" angeführt, Verbrechen gleich welcher Couleur schon mal dem sog. Sachzwang untergeordnet. Wenn also, wie in der aktuellen Kommunismusdebatte (angestoßen von Gesine Lötzsch) eine Distanzierung von den Verbrechen eines sich ehemals "kommunistisch" bezeichnenden Systems gefordert wird, so ist dies solange scheinheilig, wie nicht gleichzeitig beispielsweise die Verbrechen im Namen des "kapitalistischen" Systems offen benannt werden. Dazu zählen imperialistische Kolonisation ebenso wie die Verbringung von Afrikanern nach Nordamerika zwecks dortiger Versklavung. Vom Einsatz der Atombombe über diverse Interventionen in Mittel- und Südamerika bis hin zum Irak und Afghanistan steht das kapitalistische, das heute und nach wie vor menschenverachtende, neoliberale System aus Sicht der Opfer keinesfalls hinten an. Relativierungen und sog. Sachzwänge sind lediglich der medial transportierte Mantel der Geschichte, die Realität kennt keine derartige Einseitigkeit. 

Persönlich, sehr subjektiv ist bei diesem Projekt natürlich ebenfalls eine gewisse Intention vorhanden. Nach einem überwiegend technischen Berufsleben, nach dem absolut freiwilligen Ausstieg mit 61 Jahren und bei zumindest rudimentären Sicherung der Existenz steht mir nicht der Sinn nach Kreuzfahren etc. Das Anknüpfen an Fragen der Gesellschaftspolitik aus 68er Zeiten, eine Orientierung hin zu den Geisteswissenschaften, die unter Funktioszwang, unter Nützlichkeitsaspekten eher gering geschätz werden, die  Beschäftigung mit sog. "brotlosen Künsten", das Interesse an der Analyse gesellschaftlicher, historischer Entwicklungen, das Altersstudium aus der Perspektive eines weitgehend gelebten Lebens, einer entsprechenden (Lebens)Erfahrung, all das ist schon spannend; seitenverkehrt beinahe, die (verstehende) Theorie folgt der Praxis oder widerlegt sie eben.

Formal werden die Beiträge im eigenen Blog erstveröffentlicht. Ursprünglich war die Einstellung auf "meiner" Blogseite bei "Der Freitag" geplant, sobald ein Teil hier im Wesentlichen abgeschlossen ist und die Aufbereitung des nächsten Teiles beginnt. Der Grund für dieses Vorgehen liegt primär darin, dass die Erstellung im eigenen Blog wesentlich einfacher, technisch gestaltbarer ist, als auf der Blogseite des Freitag; von dortigen Performanceproblemen mal ganz abgesehen. Mittlerweile, und dazu wird ein separater Beitrag folgen, scheint mir das Bloggen auf dem "Freitag" zur Zeit nicht so relevant. Dennoch, aus heutiger Sicht sind  vorerst "hier" neben diesem, einführenden Text sieben weitere Teile geplant. Die Gliederung richtet sich dabei im Wesentlichen nach der Vorgabe von Michael Heinrich, die Inhalte dagegen transportieren einen absolut offenen Horizont.

 

Bereits angedeutet, die Richtung ist lediglich grob bestimmt. Manchmal braucht es einen Anlaß, einen Kick um weiter zu machen; schließlich war ja gerade die vorhersehbare Entwicklung, dieses zwangsweise Funktionieren ein Grund, das geregelte Berufsleben vorzeitig zu beenden. Und dieses nun bedingungslose Grundeinkommen wäre auch jüngeren Menschen zu gönnen, sollten Abhängigkeiten und Erpressbarkeit via ökonomischen, gar physischem Existenzentzug nicht mehr den Stellenwert entfalten können. Das sarrazine Fressen, Saufen und Dahinvegitieren vor dem TV ist eine Schimäre, eine Diffamierung dessen, was uns trotz Darwin über das Tierreich erhebt. In diesem Sinne, stay tuned ...

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