10 Feb 2011

Zur Kritik der politischen Ökonomie I

Submitted by ebertus

Nach den ersten Anmerkungen geht es nun hier um die Inhalte des Textes von Michael Heinrich. Im folgenden Beitrag werden das Vorwort sowie das erste Kapitel einer näheren Betrachtung unterzogen. Dem historischen Abriss folgt die Definition des sog. "weltanschaulichen Marxismus" als traditionelle Perspektive und im Gegensatz zu der von Heinrich und Anderen erkannten "neuen Lektüre" der ökonomiekritischen Texte von Karl Marx.

Zum Vorwort:

Natürlich, der Widerstand gegen die Zumutungen des Kapitalismus gewinnt an Kraft. Rund zwanzig Jahre nach dem Ende der russischen, osteuropäischen Variante des Marxismus-Leninismus wurde lediglich das Feindbild getauscht, wird jetzt im arabischen Raum verortet. Die Krisen und Verelendungsprozesse, (beinahe) zwangsläufig mit Kapitalismus und Imperialismus einhergehend feiern die Restauration der Fedalgesellschaften; mit formal freien Bürgern, versteht sich. Linke Theorie wird wieder wichtig, und die tagesaktuellen, hektischen Reaktionen auf die von Christine Lötzsch beinahe en passant in die Diskussion geworfene Begrifflichkeit gingen sehr schnell über in die Standardreflexe bezüglich dessen, was im Namen des Marxismus an Greultaten angerichtet wurden. Nur würde sich wohl nicht nur Marx im Grabe umdrehen, ob dieser Vereinnahmung. Und so kommt nun Michael Heinrich zu dem auffordernden Resümee:

Daher ist es nicht verwunderlich, dass in den letzten Jahren auch wieder theoretische Großentwürfe Konjunktur hatten, wie zuletzt "Empire" von Antonio Negri und Michael Hardt, "Das Informationszeitalter" von Manuel Castells oder speziell in Deutschland, Robert Kurz "Schwarzbuch Kapitalismus". In allen drei, inhaltlich und politisch ganz unterschiedlich ausgerichteten Büchern wird mehr oder weniger stark auf Marxsche Kategorien zurückgegriffen: teils werden sie zur Analyse der gegenwärtigen Entwicklung benutzt, teils werden sie als überholt kritisiert. Offensichtlich kommt man auch heute nicht um das Marxsche "Kapital" herum, will man sich grundsätzlich mit dem Kapitalismus auseinandersetzen. Allerdings ist den drei genannten Büchern, wenn auch in unterschiedlicher Weise, ein recht oberflächlicher Umgang mit den Marxschen Kategorien gemeinsam, häufig tauchen sie nur als Floskeln auf. Eine Auseinandersetzung mit dem Original ist angebracht, nicht nur um solche Oberflächlichkeiten zu kritisieren, sondern auch weil das vor über 100 Jahren geschriebene "Kapital" in vieler Hinsicht aktueller ist, als manch großspurig aufgemachtes Werk, das in der Gegenwart verfasst wurde.

Und Heinrich macht deutlich, dass es ihm (und Anderen) um eine "neue" Lektüre der Marxschen Texte geht, abseits des sog. traditionellen, des weltanschaulischen Marxismus. Diese Ankündigung wird daher noch zu überprüfen sein, mit geistigem Leben zu erfüllen sein; und..., scheinbar Bekanntes und Selbstverständliches ist zu überprüfen:

Viele Verkürzungen des traditionellen, "weltanschaulichen" Marxismus (vgl. zu diesem Begriff Kapitel 1.3) wurden insbesondere in den letzten Jahrzehnten kritisiert. Dabei wurde Marx nicht mehr, wie in der traditionellen Perspektive, einfach als der bessere Ökonom aufgefasst, sondern in erster Linie als Kritiker der über den Wert vermittelten und damit "fetischisierten" Vergesellschaftung. Diese neue Lektüre der ökonomiekritischen Marxschen Texte bildet die Grundlage der vorliegenden Einführung. Mit meiner Darstellung knüpfe ich also an bestimmte Interpretationen der Marxschen Theorie an, während andere verworfen werden.

Ein hier abschließender Hinweis zum Titel des Blog, dieser Einführung von Michael Heinrich ergo zum Untertitel des Kapital: Als "politische Ökonomie" bezeichnete man im 19. Jahrhundert in etwas den wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund, der heute als Volkswirtschaftslehre gängig ist. Bezüglich dem Wort "Kritik" wird im Folgenden noch näher darauf eingegangen.

 

1. Kapitalismus und Marxismus:

"Was ist Kapitalismus" fragt der Autor eingans dieses Kapitels und macht klar, dass wir es mit Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen zu tun haben, die hier aus ökonomischer Sicht betrachtet werden sollen, wohlwissend, dass es noch andere Unterdrückungsverhältnisse gibt. Und der hierzulande eher verpönte Begriff von der Klassengesellschaft als Gegenpart zum sog."freien Bürger" wird ebenfalls klar benannt.

Alle uns bekannten Gesellschaften sind "Klassengesellschaften". "Ausbeutung" bedeutet zunächst einmal nur, dass die beherrschte Klasse nicht nur ihren eigenen Lebensunterhalt produziert, sondern auch den der herrschenden Klasse. Historisch sahen diese Klassen ganz unterschiedlich aus (Sklaven und Sklavinnen standen im antiken Griechenland den Sklavenbesitzern gegenüber, leibeigene Bauern im Mittelalter den Grundherren, und im Kapitalismus stehen sich Bourgeoisie [Besitzbürgertum] und Proletariat [lohnabhängige Arbeiter und Arbeiterinnen] gegenüber). Entscheidend ist wie Klassenherrschaft und Ausbeutung in einer Gesellschaft funktionieren.

Während es also in vorkapitalistischen Gesellschaften ein persönliches Herrschaftsverhältnis gab, sind heute die besitzlosen Lohnabhängigen formell frei in ihrer Entscheidung, den Besitzenden gleichgestellt.  Begriffe wie Marktwirtschaft und Produktionsfaktoren etc. erwecken den Anschein, dass hier im Normalfall auf Augenhöhe und zu beiderseitigem Nutzen kooperiert wird. Und während in vorkapitalistischen Gesellschaften die beherrschte(n) Klassen lediglich für das luxuriöse Leben sorgen mussten, ggf. zu Kriegsdiensten herangezogen wurden, steht heute nicht mehr die Bedarfsdeckung sondern die Kapitalverwertung im Vordergrund. Der Gewinn des Kapitalisten ist daher nicht mehr für ein in der Regel kaum noch steigerbares Luxusleben notwendig, sondern für den, diesem System innewohnenden Wachstumszwang.

Für mich ergibt sich aus dem Vorgenannten - und dies wird auch aus historischer Sicht noch zu vertiefen sein - die immer wieder aktuelle Frage, ob ein derartiges System "verbessert" oder überwunden werden sollte. Das Kapital und der Besitz muss sich daher im Sinne von Wachstum auf immer wenigere Menschen konzentrieren, damit das System funktioniert. Und es ist beinahe zweitrangig, ob das Kapital sich aus dem Zins vermehrt, der entstehenden Gewinndifferenz beim Handel oder in der (industriellen) Produktion nach Abzug aller Kosten. Interessant ist diese Frage auch dahingehend, dass im aufziehenden, postindustriellen Zeitalter der Faktor "Lohnarbeit" seinen Stellenwert verliert, der Zwang, die Arbeitskraft zu verkaufen auf immer mehr Konkurrenz stößt. Gleichzeitig ist die Zeit der frühkapitalistischen Expansion, der Kolonisation und der Umverteilung angeblich "freier" Ressourcen ebenfalls vorbei. Das Leid vieler Menschen, die Ausrottung ganzer Bevölkerungsteile, die Verbringung als Sklaven die Ausbeutung der "freien", dennoch besitzlosen Lohnarbeiter unter oft unmenschlichen Bedingungen ist Teil der Geschichte.

Mit der Zeit kritisierten auch aufgeklärte Bürger und selbst einzelne Kapitalisten die elenden Bedingungen, unter denen ein großer Teil des im Laufe der Industrialisierung beständig wachsenden Proletariats vegetierte. Und schließlich musste auch der Staat feststellen, dass die jungen Männer, die bereits als Kinder in den Fabriken überlangen Arbeitszeiten ausgesetzt waren, kaum noch zum Kriegsdienst taugten. Teils unter dem Druck der stärker werdenden Arbeiterklasse, teils aus Einsicht, dass Kapital und Staat als Arbeitskräfte und Soldaten halbwegs gesunde Menschen benötigen, begann im 19. Jahrhundert die "Fabrikgesetzgebung": In einer ganzen Reihe von Gesetzen (wieder zuerst in England) wurde ein minimaler Gesundheitsschutz für die Beschäftigten vorgeschrieben sowie das Mindestalter für Kinderarbeit herauf- und deren maximale tägliche Arbeitszeit herabgesetzt.

Die von Michael Heinrich beschriebene Entwicklung im Laufe des 19. Jahrhunderts war also keine Tat der Menschenfreundlichkeit, da gab es keine sog. Sozialpartner, keine sich zum Wohle aller regelnde Marktwirtschaft. Es war die Einsicht in gewisse Notwendigkeiten, parallel zu dem weiterhin existierenden Sanktions- und Repressionsapparat, im Zweifelsfalle ein Entzug der ökonomischen, gar der physischen Existenz. Dennoch entstanden kollektive Organisationen der Lohnabhängigen, der Besitzlosen und aus dem aufgeklärten Bürgertum und dessen Möglichkeit sich Wissen und Bildung anzueignen entstanden theoretische Fundamente zur möglichen Überwindung dieses kapitalistischen Systems; u.A. eben der Marxismus seiner Begründer Karl Marx und Friedrich Engels. Es ist bezeichnent bis in die heutige Zeit, dass derartige (theoretische) Entwürfe von Mitgliedern der höheren Klassen hervorgebracht werden, nur sie haben die Zeit für entsprechende Studien, das intellektuelle Vermögen und standesgemäß den habituellen Zugriff auf eine halbwegs neutrale, notwendigerweise distanzierende Information.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die sog. "Entfremdungstheorie" des noch jüngeren Marx. Was unterscheidet den Mensch vom Tier, über gewisse biologische Differenzierungen hinaus? Als besitzlose, als bildungslose Lohnarbeiter werden Menschen daher nach Marx von ihrem Gattungswesen als Mensch entfremdet. Hier schließt sich (für mich) sofort der Kreis, sind Analogien zur aktuellen, neoliberalen Philosophie der Nützlichkeit, des Funktionierens unter sozialdarwinistischer Sicht kaum zu übersehen. Aktuelle "Untersuchungen" und Diskussionen (Thesen der sog. "Chemnitzer Wissenschaftler"), die beinahe sarrazinesken Positionen zum Nahrungsbedarf von Transferleistungsempfängern, sprich dem Nahrungsbedarf von menschlichen Haustieren gehen exakt in diese Richtung, nivellieren die Differenzen vom Mensch und Tier.

Weithin bekannt wurden Marx und Engels durch das 1848, kurz vor Ausbruch der 1848er Revolution, erschienene "Manifest der kommunistischen Partei", einer Programmschrift, die sie im Auftrag des "Bundes der Kommunisten" verfassten, einer kleinen revolutionären Gruppe, die nur kurz existierte. Im "Kommunistischen Manifest" skizzieren sie sehr knapp und in einer überaus prägnanten Sprache den Aufstieg des Kapitalismus, den immer schärfer hervortretenden Klassengegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat und die Unausweichlichkeit einer proletarischen Revolution. Diese Revolution sollte zu einer kommunistischen, auf der Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln beruhenden Gesellschaft führen.

Die "Abschaffung des Privateigentums "an Produktionsmitteln" ist für mich so eine Aufmerksequenz, widerspricht dies doch dem bekannten Diffamierungsmuster, nachdem "der Oma ihr klein Häuschen" von den bösen Kommunisten bedroht sei. Nun, Marx musste 1848 aus Deutschland fliehen, fand dann im Mutterland des Kapitalismus ideale Bedingungen für seine Untersuchungen und sogar das praktische Engagement. Für die Sozialdemokratie waren die Schriften von Marx und Engels so etwas wie (neubegrifflich) ein "think tank", sorgten für den theoretischen Unterbau der Bewegung.  Und schon damals wurde klar, dass es zu unterscheiden gilt zwischen einem gezämten Kapitalismus oder seiner Uberwindung. Die Sozialdemokraten orientierten sich zunehmend an Eugen Dühring, seiner Weltanschaung als Orientierung.

Der Erfolg Dührings beruhte auf dem in der Arbeiterbewegung stärker werdenden Bedürfnis nach "Weltanschauung", nach einer Orientierung bietenden umfassenden Welterklärung, die auf alle Fragen eine Antwort liefert. Nachdem die schlimmsten Auswüchse des Frühkapitalismus beseitigt waren und das alltägliche Überleben der Lohnabhängigen einigermaßen gesichert war, entwickelte sich eine spezifisch sozialdemokratische Arbeiterkultur: In den Arbeitervierteln entstanden Arbeitersportvereine, Arbeitergesangsvereine und Arbeiterbildungsvereine. Von der gehobenen bürgerlichen Gesellschaft und der bürgerlichen Kultur weitgehend ausgeschlossen entwickelte sich in der Arbeiterklasse eine parallele Alltags- und Bildungskultur, die sich zwar von ihrem bürgerlichen Gegenüber bewusst absetzen wollte, es aber oft unbewusst kopierte; so wurde am Ende des 19. Jahrhunderts August Bebel, der langjährige SPD-Vorsitzende, ähnlich huldvoll verehrt wie Kaiser Wilhelm II. vom Kleinbürgertum.

Spannend, die Geburt der (heutigen) SPD, oder? Selbst die Grünen könnten davon begeistert sein, sich ein Stück weit wiederfinden. Die weitere Verflachung hin zum "Maxismus-Leninismus" war dann beinahe zwangsläufig, bildeten vor 1914 der Engels-Nachlassverwalter Karl Kautsky und der das sozialdemokratische Zentrum unterstützende Lenin eine Front gegen die Linken in Deutschland, die  im Namen und im Geiste von Rosa Luxemburg eher fundamentale Positionen einnahmen. Geschichte wiederholt sich doch, wenn auch in anderem Gewande.

Was Ende des 19. Jahrhunderts in der Sozialdemokratie als "Marxismus" dominierte, bestand aus einer Sammlung von ziemlich schematischen Auffassungen: Ein äußerst simpel gestrickter Materialismus, bürgerliches Fortschrittsdenken, ein paar stark vereinfachte Elemente der Hegelschen Philosophie und Versatzstücke Marxscher Begrifflichkeiten wurden zu einfachen Formeln und Welterklärungen kombiniert. Besonders hervorstechende Merkmale dieses Populärmarxismus waren ein oft kruder Ökonomismus (d.h. Ideologie und Politik werden auf unmittelbare und bewusste Übersetzung ökonomischer Interessen reduziert) sowie ein ausgeprägter historischer Determinismus, der das Ende des Kapitalismus und die proletarische Revolution als naturnotwendig eintretende Ereignisse betrachtet. In der Arbeiterbewegung verbreitet war nicht die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie, sondern dieser "Weltanschauungsmarxismus", der vor allem identitätsstiftend wirkte: Er zeigte, wo man als Arbeiter und Sozialist hingehörte, und er erklärte alle Probleme auf denkbar einfache Weise.

Nach Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten nahm also die Spaltung der Linken, der Arbeiterbewegung ihren Lauf. Dem sozialdemokratischen Flügel stand zunehmend ein orthodoxer, ein dogmatischer Kommunismus sowjetischer Prägung gegenüber und zwischen diesen beiden Polen wurde der ursprüngliche Gedanke von Marx und Engels zerrieben, musste "man" um des Überlebens willen sich für eine dieser beiden Hauptrichtungen entscheiden. Abschließend, als Sicht auf die jüngere Geschichte und perspektivisch hoffnungsfroh mögen für diesen Teil die rekapitulierenden Sätze von Michel Heinrich zitiert werden:

Vor dem Hintergrund der Spaltung der Arbeiterbewegung in einen sozialdemokratischen und einen kommunistischen Flügel sowie der Enttäuschung der revolutionären Hoffnungen nach dem Ersten Weltkrieg entwickelten sich in den 20er und 30er Jahren unterschiedliche (und unterschiedlich weit gehende) Varianten einer "marxistischen" Kritik am Weltanschauungsmarxismus. Diese neuen Strömungen, die u.a. mit den Namen Karl Korsch, Georg Lukács, Antonio Gramsci (dessen Gefängnishefte aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg publiziert wurden) und der von Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse begründeten "Frankfurter Schule" verbunden sind, werden im Rückblick häufig unter dem Label "Westlicher Marxismus" zusammengefasst (vgl. dazu den Band von Diethard Behrens in dieser Reihe [theorie.org]). Lange Zeit wurden von diesem westlichen Marxismus aber nur die philosophischen und geschichtstheoretischen Grundlagen des traditionellen Marxismus, der "dialektische" und der "historische Materialismus", kritisiert. Dass im Weltanschauungsmarxismus die Kritik der politischen Ökonomie zu einer "marxistischen politischen Ökonomie" zusammengeschrumpft und die umfassende Bedeutung von "Kritik" verloren gegangen war, geriet so richtig erst in den 1960er und 1970er Jahren in den Blick. Im Gefolge der Studentenbewegung und der Proteste gegen den US-amerikanischen Krieg in Vietnam gab es seit den 1960er Jahren weltweit einen Aufschwung linker Bewegungen jenseits der sozialdemokratischen oder kommunistischen Parteien der Arbeiterbewegung und erneute Diskussionen über die Marxsche Theorie.

 

Es folgt die Besprechung des 2. Kapitels