21 Feb 2011

Zur Kritik der politischen Ökonomie II

Submitted by ebertus

Nach ersten Anmerkungen, nach Vorwort und erstem Kapitel  hier zum zweiten Kapitel dieses Textes von Michel Heinrich. Es wird rudimentär dargestellt, was Heinrich unter "Kritik der Ökonomie" bei Marx versteht. Neben dem geschichtlichen Abriss, einem Blick auf die dahingehende Intention von Marx folgt ein kurzer, einführender Text zum Begriff der Dialektik.

2. Gegenstand der Kritik der politischen Ökonomie:

Die Frage nach dem Wesen des Marxschen Werkes ist mit Weiterungen sehr grundsätzlich. Ist es eine historische Entwicklungsgeschichte des Kapitalismus, eine momentane Bestandsaufnahme oder um ein abstrakt-theoretisches Modell? Und bedeutet "Kritik" lediglich das Dagegenhalten eines "besseren" Modells? Karl Kautsky, das Apologet des sog. weltanschaulischen, sozialdemokratisierten Marxismus wird mit seiner Auffassung zitiert, dass das Kapital ein "im Wesentlichen historisches Werk" sei. Eine ähnliche Auffassung - und kaum verwunderlich - gilt auch aktuell für die Zunft des wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream. Die Gültigkeit der Marxschen Thesen wird generös, historisierend dem 19. Jahrhundert zugewiesen.

Nicht nur die bereits genannte, aktuelle Entwicklung nach dem Fall des sowjetisch orientierten Maxismus-Leninismus zeigt, dass der rein historische Blick nicht nur verklärend ist, sondern gar die Sicht verstellt auf Wesentliche, das allgemein Gültige an der Analyse des Kapitalismus. "Marx ist sich jedoch darüber im Klaren, dass der Kapitalismus eine besondere historische Produktionsweise ist, die sich von anderen Produktionsweisen wie der antiken Sklavenhaltergesellschaft oder dem mittelalterlichen Feudalismus grundlegend unterscheidet" analysiert Michael Heinrich sehr grundsätzliche Wesen des Kapitalismus, während die bürgerlich-klassische Ökonomie (Adam Smith et al.) keinen wirklichen Unterschied erkennen mag, die von Marx erkannte "Ausbeutung der Arbeitskraft" sowie die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus lediglich als "Ergebnis der Theorie" ansehen mag.

Dies ist im Kern auch die Auffassung der modernen Volkswirtschaftslehre: Für sie ist Marx vom Gehalt seiner Theorie her ein Vertreter der klassischen Schule, der lediglich andere Konsequenzen zieht als Smith und Ricardo. Und da für die moderne Volkswirtschaftslehre die Klassik als überholt gilt (die moderne Theorie hat sich von der Bestimmung des Werts durch die Arbeit verabschiedet), meint der heutige Ökonom, er brauche sich mit der Marxschen Theorie nicht mehr ernsthaft zu beschäftigen.

Nun darf man sich fragen, ob nicht auch die bürgerliche Ökonomie einer Theorie folgt, gerade unter der immer wieder vom politisch- medialen Mainstream kolportierten Begrifflichkeit des alternativlosen Sachzwanges, des Sozialdarwinismus mit nur marginalen Unterschieden zwischen Mensch und Tier; soweit zumindest es die überwiegende Mehrheit der Menschen betrifft.

So ging Adam Smith, der Stammvater der klassischen politischen Ökonomie, davon aus, dass die Menschen im Unterschied zu den Tieren einen "Hang zum Tausch" besitzen würden. Demnach wäre es eine der menschlichsten Eigenschaften überhaupt, sich zu sämtlichen Dingen als Waren zu verhalten. Gesellschaftliche Verhältnisse wie Tausch und Warenproduktion werden innerhalb der politischen Ökonomie "naturalisiert" und "verdinglicht", d.h. gesellschaftliche Verhältnisse werden als quasinatürliche Verhältnisse, letztlich als Eigenschaft von Dingen aufgefasst (Dinge besitzen nicht erst aufgrund eines gesellschaftliche Zusammenhangs einen Tauschwert, dieser soll ihnen an sich zukommen). Durch diese Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse sieht es so aus, als hätten Dinge die Eigenschaften und die Autonomie von Subjekten.

Und wenn man in diesem Kontext die Philosophie von John Locke (hier zur Eigentumsfrage) betrachtet, so ist es also nach bürgerlichem Verständnis beinahe zwangsläufig, dass der Mensch - und im Gegensatz zum Tier - naturgegeben tauschen und "Eigentum" anhäufen muss, weit jenseits des persönlichen Bedarfes. "Die Naturalisierung und Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse ist nämlich keineswegs einem Irrtum einzelner Ökonomen geschuldet, sie ist vielmehr das Resultat eines Bildes, das sich bei den Mitgliedern der bürgerlichen Gesellschaft aufgrund ihrer Alltagspraxis ganz von selbst entwickelt", als die bekannte Ellenbogengesellschaft, das Recht des Stärkeren und was man sonst noch an Herrschaftsgebaren kennen und erleben mag. Dahingehend will schon Marx, wie später beispielsweise Pierre Bourdieu aufzeigen, welsche menschlichen und sozialen Kosten sich beinahe notwendigerweise und für die Mehrzahl der Menschen aus dem kapitalistischen System ergeben. Und weil dies so ist, über die einzelne Person, den einzelnen (schlechten) Menschen hinaus, bleibt als Überwindung desselben - und möglichst friedlich, einsichtig - nur eine Konklusion.

Marx wirft dem Kapitalismus (oder gar dem einzelnen Kapitalisten) nicht vor, irgendwelche ewigen Normen der Gerechtigkeit zu verletzen. Er will vielmehr auf die Konstatierung eines Sachverhaltes hinaus: Dem Kapitalismus immanent ist ein zutiefst destruktives Potenzial, das immer wieder von neuem aktiviert wird. [...] Aufgrund seiner Funktionsweise muss der Kapitalismus immer wieder die elementaren Lebensinteressen der Arbeiter und Arbeiterinnen verletzen. Innerhalb des Kapitalismus lassen sich diese elementaren Lebensinteressen nur begrenzt und temporär schützen, grundsätzlich verändern lässt sich die Lage daher nur, wenn der Kapitalismus abgeschafft wird.

Es sollte somit, hier beinahe abschließend gesagt, der Hoffnung Ausdruck verliehen werden, dass die wachsende Einsicht in die destruktive Natur des kapitalistischen Systems weniger eine Frage der Moral sein mag, als das gemeinsame Interesse am Überleben in Frieden; für "beide" Seiten. Wenn heute die immer so hoch gehaltenen Eigentumsverhältnisse - und jenseits medialer Verbrämung - derart einseitig, grenzwertig sich entwickeln, so ist dies keine Frage ausschließlich in (aktuell) nordafrikanischen Staaten. Durch den Ost/West-Konflikt nach dem zweiten Weltkrieg waren (gerade in Europa) die Wenigen, die Besitzenden, die Mächtigen zu gewissen Kompromissen an die mehrzahl der Menschen genötigt. Dies wird seit Anfang der 90er des vorherigen Jahrhundets nun Schritt für Schritt zurück genommen, wenngleich es gegenüber der nordamerikanischen Situation hierzulande noch eine gewisse Substanz an sog. Mittelschicht geben dürfte. Dennoch, die erwartbar und beinahe plakativ "den Bach runter gehenden" amerikanischen Verhältnisse werden auch Europa mehr als nur mittelbar, sehr negativ tangieren.


Abschließend und sehr kurz noch einige Sätze zum Begriff der Dialektik. Kurz darin begründet, dass auch Michael Heinrich auf gewisse Vorbedingungen, Zusammenhänge und Kategorien verweist, die hier erst noch entwickelt und dargestellt werden sollen, daher erst im Nachhinein eine etwas substanzhaltigere Sicht eingenommen werden kann. Zwei Zitate aus dem Text von Heinrich und von ihm selbst, im Gegensatz zu "oberlehrerhaften" als "weniger oberflächlich" bezeichnet mögen dies kurz anreissen.

Zum einen gilt Dialektik [...] als "Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens" (MEW 20, S. 132). Dialektische Entwicklung verlaufe nicht gleichmäßig und linear, vielmehr handle es sich um eine "Bewegung in Widersprüchen". Für diese Bewegung gelte insbesondere der "Umschlag von Quantität in Qualität" und die "Negation der Negation".

Während der Umschlag von Quantität zu Qualität möglicherweise einleuchten mag, keinesfalls zwangsläufig ist, so fällt es jedoch schon schwerer, die Reproduktion auf einer neuen Ebene als Negation der Negation zu erkennen. Der sog. Weltanschaungsmarxismus (sowjetischer Prägung et al.) bildete daraus jedoch ein sehr einfache Ableitung, die dem heutigen neoliberalen Sachzwang kaum nachsteht, diesen gar ein Stück weit begründet.

Die zweite Weise, in der von Dialektik die Rede ist, bezieht sich auf eine Form der Darstellung in der Kritik der politischen Ökonomie. Marx spricht verschiedentlich von seiner "dialektischen Methode", wobei er auch die Leistung Hegels würdigt, für dessen Philosophie Dialektik eine zentrale Rolle gespielt hat. Allerdings sei bei Hegel die Dialektik "mystifiziert" gewesen, seine (Marx’) Dialektik sei daher nicht dieselbe wie die Hegelsche (MEW 23, S. 27 f.). Bedeutung erlangt diese Methode bei der "dialektischen Darstellung" der Kategorien. Damit ist gemeint, dass im Fortgang der Darstellung die einzelnen Kategorien auseinander entwickelt werden sollen: Sie werden nicht einfach nach- und nebeneinander präsentiert, es soll vielmehr ihre innere Beziehung (inwiefern macht eine Kategorie eine andere notwendig) deutlich werden. Der Aufbau der Darstellung ist für Marx daher keine Frage der Didaktik, sondern hat selbst eine entscheidende inhaltliche Bedeutung.

Wichtig daher scheint nach Heinrich die "Kategorienkritik", die inhaltliche Auseinandersetzung und nicht die Methode, wie im Weltanschaungsmarxismus praktiziert; in der Regel auch, um allfällige Kritiker mundtot zu machen.Insofern möge man ebenfalls Parallelen zu den Auseinandersetzungen der aktuellen Zeit ziehen bzw. aufzeigen. Bürgerliche, neoliberale Ideologie arbeitet sich an Begriffen, nicht an Inhalten ab und hebt - sehr selektiv - auf negative Entwicklungen ab, die "angeblich" im Namen der reinen Lehre stattfanden, im Grunde jedoch nur eine Spielart von Kapitalismus und, schlimmer noch, Imperialismus darstellten. Im Grunde das, was Marx im 19. Jahrhundert als beinahe Zwangsläufigkeit des kapitalistischen Systems theoretisch analysiert hatte, dies wurde dann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr leidbehaftet umgesetzt.