28 Apr 2013

Plötzlich ...

Submitted by ebertus

Ein lesenwerter Beitrag auf der SZ, ein Interview mit dem Soziologen Günter Voß zu diesem gesellschaftlichen Impact der gerade ablaufenden und sich wohl noch weiter zuspitzenden Ereignisse, was die zunehmend vielen und gerade jüngeren "Überflüssigen" betrifft. Voß betrachtet sowohl die Macroebene als (gerade auf der zweiten Seite) auch das, was an emanzipatorischen Rollenbildern nun möglicherweise zur Disposition gestellt wird.

 

Arbeitslosigkeit führt nicht unmittelbar zu Widerstand und Protest, sondern zunächst lange Zeit zu Resignation oder Depression - individuell, aber auch gesellschaftlich

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...ein Dach über dem Kopf zu haben, für das Essen zu sorgen und die unmittelbaren Beziehungen zu sichern. Sie igeln sich ein und gehen keine Risiken ein. Das ist nicht nur im ökonomischen Sinn zu verstehen, Menschen werden auch vorsichtig angesichts beginnender autoritärer Strukturen...

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Wer keine Arbeit hat, dem fehlt es nicht nur an Geld, sondern auch an Perspektive für die Zukunft.

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Wenn nun eine Jugend entsteht, die den unausgesprochenen Vertrag mit der älteren Generation von unten her aufkündigt, entzieht sie sich einem politischen, aber auch ökonomischen oder beruflichen Engagement.

 

Kernsätze, die eine ganz andere Welt betreffen? Mitnichten und keinesfalls mehr auf die ehemals weit entfernte Dritte Welt bezogen. "Die dort", nur wenige Autostunden entfernt, welche die gleiche Währung "wie wir" nutzen und von den gesellschaftlichen, demokratischen Strukturen durchaus "mit uns" vergleichbar sind, in Teilen uns gar voraus, die sind durch keine noch so hohe Mauer auszugrenzen. Da bekommen wir vorher, noch viel eher und genau hierzulande die im Artikel erwähnten, mir aus mehrfacher, eigener Anschauung bekannten "amerikanischen Verhältnisse".

Was den dort bei der SZ ebenfalls angesprochenen, ungeschriebenen Generationenvertrag betriff, so ist dies natürlich ein sehr fragiler Untergrund. Es gibt, gerade im Umfeld der Konservativen, der Neoliberalen richtige Hetzer, welche einerseits einen Keil zwischen die Generationen im Allgemeinen treiben wollen, aber andererseits regelrecht aufheulen, wenn sehr große, irgendwann natürlich zu vererbende Vermögen ein Stückweit via Steuern und Abgaben abgeschöpft werden sollen.

Und wer Kinder, gar bereits Enkel hat, der verteilt auch kleinere Summen schon gern mal freiwillig um; sag ich aus Eigener Erfahrung ...

Passend zum Blogtext hier

kommt dieser taz-Artikel vorbei.

Die zunehmend vielen "Überflüssigen" rekrutieren sich im Prinzip aus zwei verschiedenen Richtungen, Sourcen. In der sog. Zweiten und Dritten Welt hatten sie eh' kaum die Chance für ein aufgeklärtes, westlich-modernes Leben, ist das Söldnertum möglicherweise eine grundlegende Tätigkeit, gerade des Mannes. In der Ersten Welt haben die Amerikaner ihre Lektion aus dem Vietnamkrieg gelernt, wurde danach die Wehrpflicht abgeschaft und das Militär bis auf wenige Schlüsselpositionen zu einer faktischen Söldnerarmee umgestellt.

Gerade für proaktive, sprich: weltweite Angriffskriege zum "Nationbuilding", der Verteidigung "unserer" Wirtschaftsinteressen, für neue Kanonenbootpolitik, exterritoriale Kommandoaktionen etc.  bietet sich das an, gepaart mit entsprechender Technik. Deutschland folgt ja diesem Weg gerade, erst wurde die Wehrpflicht abgeschafft und nun kommen die Joystick-Drohnen. Parallel dazu wird das notwendige Menschenmaterial geformt, wird in den Köpfen die Alternativlosigkeit gebildet. Und dies sowohl in Richtung derer, die noch am Joystick zu gebrauchen sind, wie auch als Warnung an die Vielen, welche dann von einer "Bundeswehr im Inneren" in Schach gehalten werden müssen.

Für die vielen Überflüssigen, die immer weniger im kapitalistischen Verwertungsprozess gebraucht werden, für diese Menschen ist das Militär, das sich als moderner Söldner verdingen die beinahe einzige noch verbleibende Chance, wenigstens halbwegs zivilisiert zu werden, es zu bleiben. Eine rudimentäre Bildung, etwas Gesundheitsfürsorge und ähnliche, möglicherweise noch existentiellere Anforderungen des menschlichen Seins, dies kann immer weniger durch das Verkaufen der Arbeitskraft in sog. ehrbare Jobs sichergestellt werden. Wie und wohin die Hartzer hierzulande schon mal vermittelt werden sollen (Sexbars etc.), das ist kein Versehen, keine Ausnahme und lediglich die eine Seite der Medaille.

Die andere eben das Söldnertum.

allgemeine Arbeitslosigkeit und Jugendarbeitslosigkeit

darf nicht in einen Topf geworfen werden: differenzierte Sichtweisen in Bezug auf die sozialen Langzeitwirkungen verdienen da einen besonderen Stellenwert.
Es sieht so aus, als ob die junge Generation versucht, sich autarke Netzwerke außerhalb oder parallel zur ggf. vorhandenen sozialen Hängematte zu schaffen, die von "Empörung" über Occupy und "Grillo" befeuert, zu einer (a)sozialen Parallelgesellschaft führen, und letztlich in einem ungeordneten Umbruch enden könnte.

Manche nennen sowas Revolution. Und da dürften die wachsenden Mengenverhältnisse "zugunsten" der nicht beschäftigten jungen Generation durchaus ein ernst zu nehmender Faktor sein.

Nicht in einen Topf?

Es ergänzt sich wechselseitig, und daher wurde meinerseits gerade auf die zweite Seite des SZ-Interviews hingewiesen. Die Alten sponsern die Jungen, die Jungen helfen den Alten; jeder mit dem, was sie/er so bieten kann. Der "Young Man Blues", ein alter Song von den WHO feiert makabren, dennoch zunehmend real erkennbaren Urständ.

Und da wird in gewisser Weise auch die Arbeitsteilung liegen, wenn es zum Schwur kommt, wenn die Frage sich stellt:

"On which side are you on?"

Die Alten haben die Erfahrung und ggf. das bestenfals noch verbliebene, eher geringe monetäre Vermögen. Und die Jüngeren werden, müssen auf der Barrikade dann ganz vorn, oben stehen. Ich habe das damals über viele reale Kontakte sehr intensiv verfolgt, das mit der faktischen Parallelgesellschaft in der ehemaligen DDR. Dies Erfahrung kann ich teilen und weitergeben, an heutige Verhältnisse ein Stück weit adaptieren.

Welche  Seite damals in der DDR -und erwartbar zukünftig- (a)sozial war bzw. sein wird, das scheint mir nicht ausgemacht.

das Nord-Südgefälle in Sachen Jugendarbeitslosigkeit

dürfte noch ein erschwerender Faktor sein, also Ungleichgewichte zwischen den europäischen Mitgliedern.
Insofern gibt es auch kein europäisches Rezept, sondern nur maßgeschneiderte Individuallösungen, deren Umsetzung das Hauptproblem darstellen dürfte.

Die Unfähigkeit der aktuellen deutschen Administration in solchen Dingen ist ein weiteres.
Europa ist auch auf diesem Gebiet eine Riesenbaustelle.